23.04.2024

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Folge 42-22 vom 21. Oktober 2022 / Krimi / Eine grandiose Neuentdeckung / Der fesselnd geschriebene Roman von Dorothy B. Hughes „Ein einsamer Ort“ aus dem Jahr 1947 wurde neu aufgelegt – und hat von seiner Aktualität nichts eingebüßt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-22 vom 21. Oktober 2022

Krimi
Eine grandiose Neuentdeckung
Der fesselnd geschriebene Roman von Dorothy B. Hughes „Ein einsamer Ort“ aus dem Jahr 1947 wurde neu aufgelegt – und hat von seiner Aktualität nichts eingebüßt
Ansgar Lange

Ein Frauenmörder aus Angst vor Frauen – Dorothy B. Hughes Kriminalroman „Ein einsamer Ort“ ist eine grandiose Neuentdeckung. Mit Superlativen sollte man vorsichtig sein. Doch Hughes’ Roman ist sicher eine der wichtigsten Neuentdeckungen des Krimi-Jahres 2022. Dabei ist das Buch erstmals bereits vor 75 Jahren erschienen. 

Hält Vergleich mit großen Autoren stand

Es ist ein fantastisches, zeitloses Buch, das den Vergleich mit den Meisterwerken Raymond Chandlers, Dashiell Hammetts und Ross MacDonalds nicht scheuen muss. Die elegante Sprache wirkt auch heute noch so frisch wie im Jahr 1947. Die Handlung wird ohne inzwischen übliche lästige Rückblenden und Nebenhandlungen vorangetrieben. Der Protagonist, ein Jagdflieger, findet nach dem Krieg keinen Platz im Leben und mordet Frauen aus Angst vor Frauen. Ein echter Noir (düsterer und pessimistischer Inhalt) mit einem frühen Serienkiller, wobei es die Autorin nicht nötig hat, Gewalt explizit zu schildern. Spannung entsteht aus der Schilderung der psychischen Labilität des nicht unsympathischen schwachen Helden. 

Leider hat der Verlag das Meisterwerk sehr lieblos gestaltet. Doch die misslungene Optik des Buches sollte nicht vom Kauf abhalten, da es der Inhalt in sich hat. 

Nach außen verkörpert der ehemalige Jagdflieger Dix Steele all das, was einen jungen Mann im Los Angeles der Nachkriegszeit attraktiv erscheinen lässt. Er sieht gut aus, ist charmant, lebt in einem schicken Apartment und fährt einen netten Flitzer. Doch dies ist nur die Fassade, die im Laufe der Handlung immer mehr bröckelt, weil ihn vor allen Dingen zwei starke Frauen durchschauen. 

Dix lebt in der Wohnung eines vermögenden „Freundes“, für den er in der Vergangenheit den Handlanger gespielt hat. Er ist auf die Schecks seines reichen, aber geizigen Onkels dringend angewiesen. Beschäftigungslos verbringt er sein Leben in Restaurants, bei einem befreundeten Ehepaar, am Strand oder mit nächtlichen Autofahrten. Um die Fassade aufrechtzuerhalten, gibt er vor, einen Kriminalroman zu schreiben. Aktiv ist er nur, wenn er auf Frauenjagd geht. Diese plant er so minutiös wie einst seine Flugmanöver. 

Im Laufe des Buches gelingt es Dix immer weniger, den harten Mann zu mimen. Er, der immer noch unter einer früheren unglücklichen Liebe leidet, verhält sich gegenüber seiner schönen, sexuell unabhängigen Geliebten Laurel Gray teilweise wie ein wimmernder Teenager. Neben Drinks und Zigaretten – wir leben noch in frühmodernen, nicht so gesundheitsfixierten Zeiten – braucht er abends sein Beruhigungsmittel. „Es sei denn, er war so erschöpft, dass er von ganz allein wegdämmerte. Was nur selten der Fall war.“

Dix’ Frauenbild ist infantil. Laurel, die verführerische Femme fatale, betrachtet er entweder als Heilige, die ihn von allen Übeln erlöst, oder als Hure, die ihn betrügt und verlassen wird, weil er ihr kein Leben in Saus und Braus bieten kann. Auch seine Zukunftsträume sind unrealistisch und kindlich. Von ehrlicher Arbeit hält er nichts, seit er die Armee verlassen hat. Er lebt von der Hand in den Mund und auf Pump und hofft, dass irgendein großer Coup seine finanzielle Misere auf einen Schlag beenden wird. Leidenschaftlich und aktiv wird er nur, wenn sich sein grenzenloser Frauenhass Bahn bricht: „Keine Frau war es wert, sich so aufzureiben! Sie waren alle gleich. Betrügerinnen, Lügnerinnen, Huren. Selbst die Frommen warteten nur auf die Gelegenheit, zu betrügen, zu lügen, herumzuhuren.“

Überraschungen zum Schluss

Diese Geschichte kann nicht gut ausgehen, so viel steht von Anfang an fest. Und auch wenn Dix als Serienmörder von Beginn an feststeht, bleibt das Buch durchgehend spannend und hält am Ende noch einige Überraschungen bereit.

Dorothy B. Hughes: „Ein einsamer Ort“, Atrium Verlag, Zürich 2022, gebunden, 256 Seiten, 22 Euro