Fragt man die Österreicher auf der Straße oder in den sozialen Medien, so fällt die Beurteilung ihres vergangenen Sonnabend verstorbenen Landsmannes Dietrich Mateschitz recht eindeutig aus. Die Menschen erinnern sich an einen erfolgreichen Geschäftsmann, an seine Heimatverbundenheit und an das, was er für das Land Österreich geleistet hat. Er erwarb Schlösser und Hotels und ließ sie liebevoll renovieren. Er machte sich mit der Stiftung „Wings for Life“ für Querschnittsgelähmte stark. Er formte den Energydrink „Red Bull“ zur Weltmarke. Er holte die Formel 1 zurück nach Österreich und belebte den Rennsport mit zwei eigenen Rennställen, Torro Rosso und Red Bull. In Letzterem stieg der Deutsche Sebastian Vettel zum vierfachen Formel-1-Weltmeister auf.
Red Bull Salzburg scheint in der ersten österreichischen Fußballliga ein Abonnement auf den Meistertitel zu haben, und auch der bundesdeutsche Verein RB Leipzig profitierte vom Einsatz und von der Sportbegeisterung des Mäzens. Nicht zuletzt war ihm der private Fernsehsender Servus TV ein Herzensprojekt. Gerade bei Nachrichten und Talksendungen hatte sich das Medium gemausert und war zum Geheimtipp für diejenigen aufgestiegen, die nach einer Alternative zu den oftmals gleichklingenden Mainstreammedien suchten.
Man sieht: Mateschitz’ Einflüsse auf Gesellschaft, Gefühl, den Markt, Kultur, Sport und nicht zuletzt Medien waren und sind in Österreich nicht mehr wegzudenken.
Dietrich Mateschitz’ Vermächtnis
Umso drängender stellt sich nun die Frage nach der Zukunft. Was soll aus all dem werden? Wer erbt das Vermögen? Was wird aus dem Red-Bull-Konzern? Als möglicher Nachfolger wurde immer wieder sein Sohn Mark gehandelt. Er erbt zwar ein Milliardenvermögen, dass er in die Fußstapfen seines Vaters tritt, gilt aber als fraglich. Bei Red Bull selbst hatte er bisher keinen großen Einfluss. Ob er in die Zukunft des Konzerns eingebunden wird, darüber wird die thailändische Familie Yoovidhya entscheiden. Sie hält mit 51 Prozent die Mehrheit an Red Bull.
Ein strategischer Kurswechsel ist unwahrscheinlich. Zu erfolgreich sind die Ergebnisse und zu ergiebig die Einnahmen. Der Konzern wirft schließlich jährlich für seine Eigentümer Hunderte Millionen Euro an Gewinn ab.
Die mächtigen thailändischen Partner könnten jedoch eine für den österreichischen Staat schmerzhafte Änderung herbeiführen. Im Jahr 2020 soll Red Bull rund 405 Millionen Euro an Steuern ans österreichische Finanzamt abgeliefert haben. Möglich ist, dass man einen Umzug in Steuerparadiese wie die Cayman Islands oder die Jungferninseln vornimmt.
Was passiert mit Servus TV?
Ebenso spannend ist die Frage, was mit den von Mateschitz angestoßenen und entwickelten Medienprojekten passiert. Wer in den bundesdeutschen Polittalkshows eine Meinungsvielfalt vermisst hat, der wird auf Servus TV fündig. Dort wartet der Sender mit einem ausgewogenen Mix aus Gästen aller politischer und gesellschaftlicher Couleur auf. Ob in den Nachrichten oder bei den Talkformaten „Talk im Hangar“ und „Links Rechts Mitte“ – bundesdeutsche Sender könnten sich in Sachen Ausgewogenheit noch etwas abschauen.
Mit 440 Millionen Euro Jahresumsatz ist das Red Bull Media House der Zweitgrößte, gleich nach dem Österreichischen Rundfunk (ORF) mit einer Milliarde. Ein Großteil dieser 440 Millionen Euro kommt allerdings nicht aus Einnahmequellen wie Werbung oder dem Publikum. Experten schätzen deren Anteil auf ungefähr 70 Millionen. Woher der Rest kommt, darüber schweigt sich der Red-Bull-Konzern aus. Es bleibt also offen, ob sich der Sender ohne Finanzspritze halten könnte.
Auch wenn viele Fragen offen sind, eine Sache ist sicher: Was Mateschitz in Angriff nahm, das verfolgte er mit großer Leidenschaft und mit großem Willen bis zum Erfolg. Ein gutes Beispiel dafür ist, dass die Mannschaften von RB Salzburg und RB Leipzig auf seinen Wunsch hin auf Schweigeminuten verzichten. RB Salzburg schrieb dazu in einer offiziellen Erklärung, man sehe sich mehr denn je in der Verantwortung, sein Lebenswerk und seine Vision zusammen mit Red Bull in seinem Sinne weiterzuführen. Scheint so, als müsste sich der Österreicher über ein wichtiges Erbe keine Gedanken machen: die Zukunftsfreudigkeit seines Konzerns.


