05.03.2024

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Folge 46-22 vom 18. November 2022 / Bundestagswahl 1972 / Der große Wahlerfolg des Willy Brandt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-22 vom 18. November 2022

Bundestagswahl 1972
Der große Wahlerfolg des Willy Brandt

Der Wahlabend des 19. November 1972 kann als ein Höhepunkt in der politischen Karriere Willy Brandts bezeichnet werden. Drei Jahre zuvor  war er nach der Wahl zum 6. Deutschen Bundestag, obwohl nur Vorsitzender und Spitzenkandidat der nach der CDU/CSU zweitstärksten Partei, zum Bundeskanzler gewählt worden, da seine SPD mit der FDP eine Koalition einging, die mit 278 von 518 Sitzen im Bundestag die absolute Mehrheit besaß.

Diese Mehrheit schmolz indes dahin. Mit der umstrittenen Neuen Ostpolitik unzufrieden, wechselten diverse Bundestagsabgeordnete aus dem Regierungslager in das der Opposition. Das Misstrauensvotum vom 27. April 1972 überstand Brandt zwar mit dubiosen Mitteln, aber ohne Regierungs­mehr­heit ließ sich schlecht regieren. So provozierte er mit der verlorenen Vertrauensfrage vom 20. September des Jahres Neuwahlen. Der Bundes­prä­si­dent, sein Partei­freund Gustav Heine­mann, spielte mit, löste am 22. Septem­ber das Parlament auf, und am 19. No­vem­ber wurde der Bundestag neu gewählt.

SPD und FDP konnten gegenüber dem Ergebnis von 1969 noch zulegen. Der Stimmenanteil der Freien Demo­kraten stieg um 2,6 Punkte auf 8,4 Pro­zent, jener der Sozial­demokraten um 3,1 Punkte auf 45,8 Pro­zent. Die sozialliberale Koali­tion mit SPD-Chef Brandt als Kanzler und FDP-Chef Walter Scheel als Vizekanzler und Außenmini­ster konnte fortgesetzt werden. 

Ein zusätzlicher Erfolg für Brandt bestand darin, dass nicht nur die von ihm geführte Regierung bestätigt wurde, sondern dass auch die von ihm geführte Partei erstmals die Union als stärkste Partei ablösen konnte. 0,9 Prozent­punkte lag die SPD vor der Union. Damit konnte die SPD nun nach dem Bundespräsidenten und dem Bun­des­kanzler auch erstmals den Bundes­tags­präsidenten stellen. 

Lange konnte sich Brandt dieser Bestätigung seiner Regierungspolitik nicht erfreuen. Bereits zwei Jahre später trat er als Bundeskanzler wegen der Guillaume-Affäre zurück. Sein Nach­folger im Kanzleramt wurde sein Parteifreund Helmut Schmidt. Der konnte sich mit acht Jahren zwar ungleich länger im Amt halten. In Schmidts Amtszeit als Regierungschef wurde die SPD indes niemals stärkste Partei.

Ein noch größerer Verlierer der Bundestagswahl vor 50 Jahren als Kai-Uwe von Hassel, der an der Spitze des Bundestages von der Sozialdemokratin Annemarie Renger abgelöst wurde, war der Spitzenkandidat der Union, Rainer Barzel. Im darauffolgenden Jahr trat er als Fraktionsvorsitzender zurück und verzichtete auf eine erneute Kandidatur für den Parteivorsitz. Seine Nachfolger wurden Karl Carstens und Helmut Kohl.M.R.