05.03.2024

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Folge 46-22 vom 18. November 2022 / Ökologie / Tausende Invasoren lauern in Feld und Flur / Invasive Spezies: Gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten können nützlich sein – Beispiel Kartoffel. Doch viele von ihnen bedrohen dagegen sowohl den Menschen als auch die Natur

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-22 vom 18. November 2022

Ökologie
Tausende Invasoren lauern in Feld und Flur
Invasive Spezies: Gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten können nützlich sein – Beispiel Kartoffel. Doch viele von ihnen bedrohen dagegen sowohl den Menschen als auch die Natur
Wolfgang Kaufmann

Die Globalisierung, also die weltweite Verflechtung in allen nur denkbaren Bereichen spätestens seit Beginn der europäischen Expansion nach Amerika, Afrika, Asien und Australien, hat viele Schattenseiten. Hierzu gehört auch die Einschleppung von Neobiota, also Tieren und Pflanzen, welche es früher auf unserem Kontinent nicht gab. 

Mittlerweile gehen Biologen von etwa 12.000 ursprünglich gebietsfremden Arten in Europa aus. Manche von denen erwiesen sich als durchaus nützlich wie die ursprünglich nur in Südamerika beheimatete Kartoffel. Andere hingegen breiteten sich unkontrolliert aus und sorgten für allerlei Ungemach. Diese invasiven Arten machen inzwischen etwa zehn bis 15 Prozent der Neobiota in der EU aus. Von denen wiederum stehen derzeit 88 auf einer Schwarzen Liste der Europäischen Kommission, weil sie als besonders schwere Bedrohung der hiesigen Ökosysteme beziehungsweise auch der Bevölkerung gelten. Deshalb dürfen sie weder eingeführt oder gehandelt, noch gehalten, gezüchtet oder freigelassen werden.

Die meisten der 88 für problematisch erklärten Arten – vom Nordamerikanischen Ochsenfrosch über den Waschbären und die Kettennatter bis hin zum Brasilianischen Tausendblatt und dem Riesenbärenklau – finden sich auch in Deutschland, wobei hierzulande insgesamt um die 3000 fremde Tier- und Pflanzenarten eingeschleppt wurden, von denen wiederum fast 1000 permanent und nicht nur sporadisch in der freien Natur zu finden sind.

Viele kommen als Blinde Passagiere

Verantwortlich für das Auftreten der Neobiota invasiver oder nichtinvasiver Art sind neben spontanen Wanderungsbewegungen vor allem menschliche Aktivitäten in den Bereichen Handel, Verkehr und Tourismus. Diese führen zur Überwindung natürlicher Ausbreitungsschranken und zur transkontinentalen Verteilung bestimmter Arten, wobei es sich um beabsichtigte oder unbeabsichtigte Effekte handeln kann. Manchmal werden Zierpflanzen und exotische Tiere ganz gezielt importiert und dann später ausgewildert. In anderen Fällen gelangen die Neobiota hingegen als Blinde Passagiere zu uns, so beispielsweise in Warenlieferungen, Touristengepäck oder dem Ballastwasser von Schiffen. Gleichzeitig gibt es eine hohe Dunkelziffer, weil viele Gruppen von Lebewesen überhaupt nicht erfasst beziehungsweise überwacht werden. 

Hiervon dürfte auch die verdeckte biologische Kampfführung profitieren. Bereits im Zweiten Weltkrieg experimentierten einige Mächte mit Insekten, die gegnerische Ernten vernichten sollten – und es gibt Hinweise dafür, dass manche Staaten heute mehr denn je bemüht sind, ihre wirtschaftlichen, politischen und militärischen Kontrahenten durch das Einschleusen von Neobiota zu schädigen.

Dabei ist die Gefährdung der Landwirtschaft nur eines von vielen Übeln. Invasive Arten können sich auch sonst als Schädlinge oder Parasiten erweisen und die vorhandenen Ökosysteme zu Lande oder zu Wasser derart grundlegend verändern, dass einheimische Arten keine Lebensgrundlage mehr finden. Oder die Alteingesessenen werden schlicht und einfach von den Neuankömmlingen aufgefressen, wie die Bachmuschel von der Bisamratte. Als problematisch gilt des Weiteren die Einkreuzung gebietsfremder Arten, weil sie den Genpool der standorttreuen Lebewesen verändert. So droht die Weißkopfruderente nun zugunsten der zugewanderten Schwarzkopfruderente zu verschwinden.

Die größten Nachteile durch Neobiota hat wohl der Mensch. Neben der Nahrungsmittelproduktion auf den Feldern kann auch die Forst- und Fischwirtschaft leiden. Dazu kommen allerlei Schäden an der Infrastruktur. Invasive Pflanzenarten sorgen für höheren Aufwand bei der Instandhaltung von Straßen und Schienenwegen. Ein weiteres Ärgernis sind in Massen auftretende aquatische Spezies wie Quallen oder Muscheln, weil sie Rohrleitungen und Filter verstopfen. Besonders berüchtigt ist hier die Zebramuschel, die aus dem Schwarzen Meer stammt und sich besonders gern in den Einlässen der Kühlwasserkreisläufe von Kraftwerken ansiedelt.

345 Milliarden US-Dollar Schaden

Außerdem wäre da noch die gesundheitliche Gefährdung des Menschen, beispielsweise durch zusammen mit den Waschbären eingewanderte Spulwürmer oder den Riesenbärenklau und das Beifußblättrige Traubenkraut aus dem Kaukasus beziehungsweise Nordamerika. Diese zwei invasiven Pflanzenarten lösen schmerzhafte Hautreizungen und Allergien aus. Noch gefährlicher sind freilich aus den Tropen kommende Stechmücken, die auch in der Bundesrepublik krankmachende oder gar tödliche Viren und Bakterien verbreiten können, darunter die Erreger des Gelbfiebers und der Tularämie.

Das Auftreten der Neobiota verursacht überdies enorme Kosten. Wie ein Forscherteam um Ross Cuthbert vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel kürzlich errechnet hat, sorgten allein schon invasive aquatische Arten seit 1971 für globale Schäden in Höhe von mindestens 345 Milliarden US-Dollar, wobei hier nur tatsächlich gemeldete Zahlen aus den westlichen Industrieländern zugrunde gelegt wurden. Zudem machen diese 345 Milliarden Dollar lediglich ein Zwanzigstel der erfassten finanziellen Belastungen infolge der Einschleppung terrestrischer Neobiota aus. Somit waren in den vergangenen 50 Jahren Gesamteinbußen in der Größenordnung von mindestens sieben Billionen Dollar zu verzeichnen. Auf Deutschland bezogen heißt dies: Da die Fläche unseres Landes 0,07 Prozent der Erdoberfläche ausmacht, dürfte die Einschleppung neuer beziehungsweise invasiver Arten zu einem Schaden von rund fünf Milliarden Dollar (nach derzeitigem Kurs auch fünf Milliarden Euro) oder mehr geführt haben.

Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass die Anzahl der Neobiota in den kommenden drei Jahrzehnten noch um mehr als ein Drittel zunehmen wird, woraus weitere gravierende finanzielle, aber auch ökologische und gesundheitliche Folgen resultieren.