14.07.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Folge 02-23 vom 13. Januar 2023 / Oscar Tietz / Warenhaus- Pionier aus Posen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-23 vom 13. Januar 2023

Oscar Tietz
Warenhaus- Pionier aus Posen
Manuel Ruoff

Vor allem die Älteren unter den Lesern werden noch die „Hertie“-Warenhäuser kennen. Der eine oder andere weiß auch, dass „Hertie“ eine Abkürzung von „Hermann Tietz“ ist. Schon weniger hingegen dürfte bekannt sein, dass nicht dieser Hermann Tietz der Gründer der Warenhauskette ist, sondern dessen Neffe Oscar Tietz.

Dieser spätere deutsche Kaufmann und Warenhaus-Unternehmer jüdischer Herkunft kam am 18. April 1858 in der zur preußischen Provinz Posen gehörenden Stadt Birnbaum [Międ­zychód] als Sohn eines Fuhr­manns und dessen Ehefrau zur Welt. Er war ähnlich geschäftstüchtig wie sein neun Jahre älterer Bruder Leonhard, der Gründer der späteren Galeria Kaufhof GmbH, die 2019/20 mit der 1881 in Wismar gegründeten Karstadt Warenhaus GmbH zur Galeria Karstadt Kaufhof GmbH fusionierte. Drei Jahre nachdem der größere Bruder in Stralsund sein Textilgeschäft gegründet hatte, folgte der kleinere 1882 in Gera mit seinem „Garn-, Knopf-, Posamentier-, Weißwaren- und Wollwarengeschäft Hermann Tietz“. Die Namenswahl ist vor dem Hintergrund der finanziellen Unter­stützung Oscars durch Hermann bei der Unternehmensgründung zu sehen.

Zu Oscar Tietz’ Erfolgsmodell gehörte es, auf Umsatz und große Mengen zu setzen. Die Menge der umgesetzten Ware ermöglichte es ihm, mit Mengenrabatt einzukaufen oder gar selbst eine Produktion aufzubauen sowie mit geringen Gewinnmargen beim einzelnen Produkt zu arbeiten. Indem er direkt beim Hersteller kaufte oder die angebotene Ware selbst produzierte, umging er den Zwischenhandel mit dessen Gewinnmargen, sodass er dem Endkunden Waren teilweise zu den Verkaufspreisen des Zwischenhandels und damit zu den Einkaufspreisen seiner Konkurrenz anbieten konnte. 

Zu den günstigen Preisen kam ein breites Warenangebot. Nicht ohne Grund ist Tietz als „Vater des deutschen Kaufhauses“ bezeichnet worden. Das in Frankreich, Großbritannien und den USA bereits erfolgreiche Konzept des Warenhauses holte er nach Deutschland. Auf diesem Gebiet leistete er in seinem Heimatland Pio­nier­ar­beit. 1894 eröffnete er in München das erste Warenhaus, den ersten Kon­sum­tempel nach westlichem Vorbild mit großen Schaufenstern, elektrischem Licht und viel Werbung. 

Die Errichtung vieler weiterer Warenhäuser in anderen deutschen Städten folgte. Bis zu seinem Tode am 17. Januar 1923 im schweizerischen Klosters hatte Oscar Tietz einen florierenden Warenhauskonzern aufgebaut.