14.07.2024

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Folge 02-23 vom 13. Januar 2023 / Buchkritik / In zweiter Auflage / Grundlagenwerk über den Lastenausgleich

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-23 vom 13. Januar 2023

Buchkritik
In zweiter Auflage
Grundlagenwerk über den Lastenausgleich
Konrad Badenheuer

Die Bundesrepublik Deutschland als Sozialstaat ist nicht vorstellbar ohne den Lastenausgleich. In einem großen Gesetzespaket wurde damit ab 1950 versucht, die sozialen Folgen von Vertreibung und Bombenkrieg, aber auch von Enteignungen in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ/DDR) und sogar von Härten der Währungsreform von 1948 zu mildern. Gemessen an seinem Volumen und seiner Bedeutung für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte war die wissenschaftliche Erforschung des Lastenausgleichs lange ausgesprochen dürftig. Erst mit dem Grundlagenwerk von Manfred Kittel „Stiefkinder des Wirtschaftswunders? Die deutschen Ostvertriebenen und die Politik des Lastenausgleichs (1952 bis 1975)“ im Jahre 2020 hat sich das entscheidend geändert. Die Preußische Allgemeine Zeitung hat dieses 671-seitige Werk bei seinem Erscheinen auf einer ganzen Seite 3 gewürdigt. 

Der Autor war Gründungsdirektor der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung

In der Tat konnte der Regensburger Historiker in diesem imposanten Buch einige alte Vorurteile über den Lastenausgleich ausräumen, beginnend bei der schlichten Höhe der Entschädigung: Nur kleinste Immobilien bis zu 4800 Reichsmark wurden annähernd zum realen Wert entschädigt, bei mittleren und größeren Verlusten sank der Entschädigungssatz rapide auf am Ende nur noch 6,5 Prozent – und zwar wohlgemerkt vom Einheitswert vor dem Krieg. Gemessen am Verkehrswert lag die Kompensation dann bei vielleicht noch drei oder vier Prozent. Angesichts der enormen Wohlstandsgewinne in der Zeit des Wirtschaftswunders der 1950er und 1960er Jahre ist das derart wenig, dass schon gefragt werden muss, warum eine Wählergruppe von rund 20 Prozent der Bevölkerung nicht bedeutend mehr durchsetzen konnte. Mit dem entsprechenden politischen Willen wäre es machbar gewesen, wie Kittel treffend am Beispiel der Karelier, ein finno-ugrisches Volk, zeigt. 

Diese haben nach ihrer endgültigen, zweiten Vertreibung im Jahre 1943 eben nicht nur soziale Zuwendungen erhalten, sondern einen echten Eigentumsausgleich, bei dem am Ende Einheimische und Vertriebene materiell fast gleichgestellt waren. Warum Ähnliches in Deutschland nicht annähernd gelungen ist, kann man in Kittels Buch kopfschüttelnd nachlesen. Das Werk ist nun in zweiter Auflage erschienen. Das ist bei solchen Büchern eine Seltenheit, vor allem wenn sie 68 Euro kosten, wie es hier der Fall war. Die Neuauflage kostet erfreulicherweise weniger.

Manfred Kittel: „Stiefkinder des Wirtschaftswunders? Die deutschen Ostvertriebenen und die Politik des Lastenausgleichs (1952 bis 1975), 2. Auflage“, Droste Verlag, Düsseldorf 2022, klebegebundene Broschur, 372 Seiten, 39,80 Euro