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Folge 18-23 vom 05. Mai 2023 / Hintergrund In den Plänen zur Energiewende kommt dem Wasserstoff eine herausragende Bedeutung zu. Doch wie realistisch sind die Erwartungen – und wie ökonomisch sinnvoll die bisherigen Verfahren? / Viel zu teuer und alles andere als „grün“ / Warum der Wasserstoff auf absehbare Zeit keine Wunderwaffe zur Lösung unserer Energieprobleme ist

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-23 vom 05. Mai 2023

Hintergrund In den Plänen zur Energiewende kommt dem Wasserstoff eine herausragende Bedeutung zu. Doch wie realistisch sind die Erwartungen – und wie ökonomisch sinnvoll die bisherigen Verfahren?
Viel zu teuer und alles andere als „grün“
Warum der Wasserstoff auf absehbare Zeit keine Wunderwaffe zur Lösung unserer Energieprobleme ist
Wolfgang Kaufmann

Wasserstoff gilt schon des Längeren als Wunderwaffe im Kampf um die „Klimaneutralität“. Der „flexible Energieträger ist unverzichtbar für die Energiewende“ und sei „das Erdöl von morgen“, heißt es etwa in den Mitteilungen rund um die im Juni 2020 beschlossene „Nationale Wasserstoffstrategie“ der Bundesregierung. Deshalb plant man in Berlin nun auch, die Wasserstoffproduktion in den nächsten sieben Jahren derart groß aufzuziehen, dass am Ende ein Energiebedarf in Höhe von zehn Gigawatt gedeckt werden kann. Zum Vergleich: Die Nennleistung der nunmehr abgeschalteten letzten drei Kernkraftwerke lag 2022 zusammen bei 4,3 Gigawatt. Darüber hinaus soll der Wasserstoff auch in Brennstoffzellen-Autos sowie im Luft- und Schiffsverkehr zum Einsatz kommen. 

Dabei führt der ambitionierte Wunsch, „Deutschland zu einem globalen Vorreiter bei Grünem Wasserstoff zu machen und langfristig die Marktführerschaft bei Wasserstofftechnologien zu erlangen und zu sichern“, allerdings zur Blindheit gegenüber der Tatsache, dass der vermeintliche Heilsbringer Wasserstoff nicht halten kann, was er zu versprechen scheint.

Irrtümer und verdrängte Gefahren

Zum Ersten wäre da das Sicherheitsproblem. Reiner Wasserstoff darf keinesfalls auf Sauerstoff treffen, weil dann eine Knallgasreaktion erfolgt, sobald es einen Zündfunken gibt. So geschehen unter anderem am 6. Mai 1937 beim Absturz des Luftschiffes LZ 129 „Hindenburg“, dessen Traggaszellen mit 17 Tonnen Wasserstoff gefüllt waren. Beim Anblick der Bilder von dieser Katastrophe lässt sich erahnen, was passieren würde, wenn einer der geplanten Wasserstofftanker für den Transport vom Hersteller zu den Verbrauchern mit 12.000 Tonnen Ladekapazität explodiert: Die Wucht der Detonation könnte eine ganze Hafenstadt in Schutt und Asche legen.

Darüber hinaus ist Wasserstoff auch kein Energieträger wie Öl, Uran, Erdgas oder Kohle, sondern lediglich ein Energiespeicher. Das heißt, er muss zunächst erst aufwändig durch die Zerlegung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gewonnen werden, was die Zufuhr von erheblichen Mengen Energie erfordert, bevor diese dann wieder abgegeben werden können. Das unterscheidet den Wasserstoff von sämtlichen fossilen Energieträgern, aber auch von alternativen Energiequellen wie Wind- und Wasserkraft.

Zum Dritten sind die Methoden zur Herstellung von Wasserstoff in der Regel alles andere als umweltfreundlich, was insbesondere für die kostengünstigen Verfahren gilt. Beispielsweise liegt der Preis für die Synthese von einem Kilo Wasserstoff unter Verwendung von Stein- oder Braunkohle bei 1,20 Euro pro Kilogramm, und wenn Methangas zum Einsatz kommt, bei 1,90 Euro. 

Das sorgt dann freilich für einen breiten „CO₂-Fußabdruck“: Bei der Verbrennung von Kohle im Zuge der Wasserstoffgewinnung entstehen zwischen 15 und 25 Kilogramm Kohlendioxid pro Kilo Wasserstoff. Aber selbst wenn nur Strom, der zu einhundert Prozent aus Erneuerbaren Energien stammt, verwendet wird, fallen im Gesamtprozess der Produktion und des Transports des nunmehr angeblich „grünen“ Wasserstoffs immer noch Treibhausgase in der Größenordnung von vier Kilogramm an. Dafür liegen die finanziellen Aufwendungen aber bei bis zu 21 Euro.

Keine Steigerung der energie-politischen Souveränität 

Hinzu kommt das Abhängigkeitsproblem. Die Bundesregierung geht selbst davon aus, dass Deutschland im Jahre 2050 mehr als 80 Prozent des dann wohl benötigten Wasserstoffs importieren muss, weil die Produktion im Ausland einfach billiger ist. Dabei handelt es sich bei den potentiellen Lieferländern keineswegs nur um „lupenreine Demokratien“. Zu dieser Kategorie zählen zwar Norwegen, Frankreich, Kanada, Spanien, Portugal und Australien. Zugleich wird jedoch auch auf Energiepartnerschaften mit dem Oman, Abu Dhabi, Katar, Marokko, Südafrika und Namibia gesetzt, wo manches im Argen liegt und die Regierungen irgendwann versucht sein könnten, die deutsche Abhängigkeit vom Wasserstoff als Druckmittel zu nutzen. Dann droht eine ähnliche Situation wie 2022, als die russischen Erdöl- und Erdgaslieferungen plötzlich zum Politikum ersten Ranges wurden.

Aus all diesen Gründen warnen Experten wie der prominente britische Investor und Energieanalyst Michael Liebreich vor zu viel Euphorie im Hinblick auf die Verwendung von Wasserstoff zur Bekämpfung des Klimawandels: Der „dreckig“ hergestellte oder über große Entfernungen herangeholte Wasserstoff sei eher ein zusätzliches Klima-Problem als dessen Lösung. Und den echten „grünen“ Wasserstoff werde man auch in Zukunft durch billigere Alternativen ersetzen, wo immer die Möglichkeit dazu bestehe. 

Mit Blick hierauf meinte Liebreich im Oktober 2022 auf dem World Hydrogen Congress in Rotterdam, der ganze Trubel um das vermeintliche Wundermittel Wasserstoff „fängt an, wie eine Spekulationsblase auszusehen“. 


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