14.07.2024

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Folge 18-23 vom 05. Mai 2023 / Das „zähe Biest“ Inflation / In den ersten Monaten des Jahres 2023 hat sich der Anstieg der Preise verstetigt. Dies bedeutet nicht nur, dass die Verbraucher den Gürtel enger schnallen müssen, sondern auch, dass Sparern eine teilweise Enteignung ihres Vermögens droht

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-23 vom 05. Mai 2023

Das „zähe Biest“ Inflation
In den ersten Monaten des Jahres 2023 hat sich der Anstieg der Preise verstetigt. Dies bedeutet nicht nur, dass die Verbraucher den Gürtel enger schnallen müssen, sondern auch, dass Sparern eine teilweise Enteignung ihres Vermögens droht
Konrad Badenheuer

Wer meinte, bei der Inflation sei das Schlimmste überstanden, bekam dieser Tage beim ersten Eis der Saison ein Aha-Erlebnis: Aufschläge von über 25 Prozent, beispielsweise von 1,50 auf 1,90 Euro pro Kugel, sind bundesweit die Regel. Dabei soll angeblich die Inflationsrate im April auf 7,2 Prozent zurückgegangen sein. Wie kommen also die jüngsten Preissteigerungen zustande, und wie geht es weiter mit der Inflation? 

Nun, die Sache mit dem Eis ist schnell erklärt: In der Herstellung steckt viel Energie und dazu Agrarprodukte, deren Preise massiv gestiegen sind. Außerdem bekommen viele Eisverkäufer den Mindestlohn, und der wurde zwischen Juni und Oktober 2022 um stolze 22,2 Prozent angehoben. Das erklärt den Preissprung beim Eis, der keineswegs auf die Habgier der Eisdielenbetreiber zurückzuführen ist. Ihnen blieb keine andere Wahl, als ihre höheren Kosten weiterzugeben. Nun bleiben sie jedoch oft auf ihrer teuren Ware sitzen und bekommen zum Teil Existenzprobleme. 

Anstiege vor allem bei Energie und Lebensmitteln

Der Blick auf das große Ganze ist schon komplizierter. Zwar haben etwas gesunkene Weltmarktpreise für Energie die Inflationsraten in der Euro-Zone und in den USA zuletzt etwas zurückgehen lassen. Aber der genaue Blick auf die Daten ist wenig ermutigend. Da die Preise für Energie und Lebensmittel generell schwanken, wird auch eine Inflationsrate ohne diese beiden Bestandteile errechnet, die sogenannte Kerninflation. Diese Rate aber steigt und steigt, in der Euro-Zone auf zuletzt 5,7 Prozent. Es ist gleichsam so, als würden sich die höheren Preise für Energie und Lebensmittel langsam durch den gesamten „Warenkorb“ durchfressen. In den USA ging das so weit, dass zuletzt die Kerninflation mit 5,6 Prozent sogar höher lag als die „normale“ Inflationsrate mit noch 5,0 Prozent. Diese wurde allerdings mit politischen Maßnahmen ein bisschen gedrückt, ähnlich wie in Deutschland die Zuschüsse an die Verbraucher für hohe Strom- und Gasrechnungen statistisch als „sinkende Energiepreise“ erfasst wurden. Unter Fachleuten war das umstritten, schon weil niemand weiß, wie lange solche einmaligen Zuschüsse das Preisniveau drücken können – dauerhaft vermutlich nicht.

In dieser Lage hatte Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) völlig recht, als er die Inflation kürzlich ein „zähes Biest“ nannte. Dass Lindner weitere Anstrengungen für die Geldwertstabilität forderte, macht ihm Ehre, denn zunächst profitiert niemand so sehr von Inflation wie ein Finanzminister: Die Staatsschuld wird real entwertet, gleichzeitig steigen die Steuereinnahmen, weil die Beschäftigten – selbst bei sinkenden Reallöhnen – infolge der Progression der Einkommensteuer immer schärfer besteuert werden. Insofern verdient es schon Respekt, dass in Deutschland der Finanzminister und nicht etwa der Wirtschaftsminister mehr Preisstabilität einfordert. 

Gefragt ist vor allem die Notenbank

Der eigentliche Adressat dieses Appells ist natürlich die Europäische Zentralbank (EZB). Letztlich kann nur die Notenbank Inflation verursachen, und auch nur sie kann verlorene Preisstabilität durch eine geänderte Politik wieder zurückgewinnen. Vergleicht man die Erklärungen der EZB und ihrer Präsidentin Christine Lagarde aus der letzten Zeit mit denen vor einem Jahr, dann fällt vor allem eine größere Nüchternheit auf. Während die EZB noch Monate nach Beginn des Ukrainekrieges die rasch steigenden Preise auf Ursachen zurückführte, auf die sie keinen Einfluss hatte, dabei mit ihren Prognosen viel zu optimistisch war und zu alledem elementare Zusammenhänge der Geldpolitik mit hoch abstrakten Theorien vernebelte, so lesen sich die Erklärungen der letzten Zeit wohltuend klar und realistisch.

Genau wie die US-Notenbank FED nennt die EZB das Problem der anziehenden Kerninflation klar beim Namen. Anders als vor noch etwa einem Jahr wird auch nicht mehr behauptet, dass sinkende Weltmarktpreise für Energie und Lebensmittel, die keineswegs absehbar sind, das Inflationsproblem lösen könnten. Außerdem hat die EZB Mitte letzten Jahres ihr großes, rechtlich sehr umstrittenes Anleihen-Kaufprogramm endlich gestoppt und bald danach die Zeit der negativen Zinsen beendet. Nun gibt die Zentralbank sogar zu erkennen, dass zur wirksamen Bekämpfung der Inflation die Zinsen eigentlich weiter steigen müssten und dass sie gern ihren riesigen Bestand an Staats- und Unternehmensanleihen (etwa fünf Billionen Euro, davon gut 3,2 Billionen Staatspapiere) durch Verkäufe abbauen würde. 

Gerade Letzteres wäre ein hoch wirksames Mittel gegen die Inflation. Denn mit jeder Anleihe, die die Notenbank verkauft, fließt Geld zu ihr zurück und die Geldmenge sinkt um eben diesen Betrag. Nur hat diese an sich sinnvolle Politik leider massive Risiken und Nebenwirkungen. Das Grundproblem ist, dass ein Verkauf von Anleihen in dieser Dimension deren Kurse unweigerlich auf Talfahrt schicken würde, und das hätte massive Folgen für die Stabilität der Finanzmärkte insgesamt. Der erste Effekt ist der auf die Bilanz der EZB. Sie hat diese Anleihen zu minimalen Zinsen, also nahe ihrer Höchstkurse gekauft. So stehen sie nun in der Bilanz der EZB, und schon der bisherige Kursrückgang der Anleihen seit Anfang 2022 hat deren Marktwert um etwa 700 Milliarden Euro einbrechen lassen. Das ist eine schlechte Nachricht für diejenigen, die im Euro-System auf der Gläubigerseite stehen, also insbesondere für die Deutschen. 

Die Folgen für die Geschäftsbanken

Dramatischer sind die absehbaren Folgen für die Banken. Auch sie halten große Anleihebestände als Teil ihres Eigenkapitals. Die Beträge sind heute deutlich höher als vor einigen Jahren, der Gesetzgeber und die Bankenaufsicht wollten das so. Eine Lehre aus der Finanzkrise von 2008 war nämlich, dass die Banken einige potentiell riskante Geschäfte mit mehr Eigenkapital unterlegen mussten. Das war naheliegend, nur leider wurde dabei festgelegt, dass Staatsanleihen selbst als risikolos gelten. Aber eine zehnjährige Anleihe mit einem Zins von null oder sogar minus 

0,5 Prozent rauscht nun mal in die Tiefe, wenn am Markt die Zinsen steigen. Solange Banken solche Anleihen bis zur Endfälligkeit halten können, ist das kein großes Problem. Aber wehe, es treten Probleme auf, und die Banken müssen früher verkaufen. Dann wird aus dem Buchverlust ein ganz realer, und das Institut kann zahlungsunfähig werden. Dabei reicht es schon, dass die Akteure an den Finanzmärkten derartige Probleme nur vermuten oder befürchten. Sie werden dann der betroffenen Bank das Vertrauen, sprich die Einlagen, entziehen und das befürchtete Problem wird einfach deswegen in kürzester Zeit real.

Genau das ist im März innerhalb weniger Tage mit je einer Bank in den USA und in der Schweiz geschehen. Diese Krise ist an sich ausgestanden, aber es lohnt sich dennoch, die Sache nochmals anzuschauen, weil damit deutlich wird, warum die Notenbanken bei der Inflationsbekämpfung heute in einer schier unglaublichen Zwickmühle stecken.  

Crash in den USA und in der Schweiz 

Am 11. März musste die Silicon Valley Bank (SVB) schließen, genauer gesagt, die US-Einlagensicherungsbehörde übernahm die Kontrolle und schloss das Institut. Die mittelgroße Bank hatte viel in langlaufende Staatsanleihen investiert, und deren Kurse sind mit den Zinserhöhungen der FED eingebrochen. Die Anleger witterten Gefahr, zogen massiv Gelder ab, und der Crash wurde unvermeidlich. Um Weiterungen wie anno 2008 zu vermeiden, hat die US-Notenbank bei der Schließung der SVB eine Garantie aller Einlagen bei dieser Bank verkündet – immerhin 175 Milli-arden Dollar. Dennoch herrschte danach wochenlang Nervosität an den US-Finanzmärkten. Die große Frage war, welche andere Bank ähnliche Probleme haben könnte, was sich sofort auf die Kreditpolitik der Banken ausgewirkt und viele Unternehmen unter Druck gesetzt hat. 

Um eine Krise zu vermeiden, bot die FED den Banken große Liquiditätshilfen an, die in sehr kurzer Zeit mit sage und schreibe 323 Milliarden Dollar auch in Anspruch genommen wurden. Diese Zahl wurde von der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, sie zeigt aber, wie groß die Probleme vieler US-Banken offenbar waren. Von der Größenordnung handelt es sich um einen Betrag, wie er auch 2008 aufgewendet wurde, um einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. Der FED blieb wohl keine andere Wahl. Und doch: Solange eine Notenbank den Banken solche Beträge einfach mal zur Verfügung stellt, kann von wirksamer Inflationsbekämpfung kaum die Rede sein.

Nur eine Woche später, am 19. März, musste in der Schweiz in einer dramatischen Aktion die traditionsreiche Großbank Credit Suisse mit einem staatlich orchestrierten Notverkauf vor dem Kollaps bewahrt werden. Die zugesagten Beträge von bis zu 200 Milliarden Schweizer Franken zur Absicherung der Übernahme durch die größte Bank der Schweiz, die UBS, zeigen, was auf dem Spiel gestanden haben muss. Auch der drastische Eingriff in die Eigentumsrechte einiger Gläubiger der Credit Suisse – und das in der grundsoliden Schweiz – lässt den Abgrund erahnen. Mit der Übernahme der Credit Suisse hat die UBS nun eine Bilanzsumme, die doppelt so groß ist wie die gesamte Wirtschaftsleistung der Schweiz. Allein das macht klar, warum die Stabilität der Banken und die finanzielle Stabilität ganzer Staaten und Währungen nicht mehr voneinander zu trennen sind. Dabei zeichnet sich ab, dass die Notenbanken auch in Zukunft immer wieder vor der Wahl stehen werden, ob sie die Inflation bekämpfen oder die Stabilität des Finanzsystems als Ganzes erhalten wollen. Es ist klar, wie sie sich entscheiden werden. 

Das Kind ist in den Brunnen gefallen

Das schlichte Fazit lautet: In dieser Lage kann niemand der EZB oder der FED zu einer rigiden Stabilisierungspolitik wie Anfang der 1980er Jahre raten. Das Kind ist eben schon in den Jahren nach 2015 in den Brunnen gefallen, als die EZB mit massiver Geldschöpfung ein Problem bekämpfte, das gar nicht existiert hat – die angeblich drohende Deflation. Der damalige Jahrhundertfehler ist nicht mehr zu reparieren, vielmehr dürfte uns das „zähe Biest“ der Inflation noch jahrelang begleiten, bis sich das Preisniveau an die gewachsene Geldmenge angepasst haben wird. Die Sparer und alle, deren Gehälter oder Renten langsamer steigen als die Preise, haben das Nachsehen. Aber die Betreiber von Eisdielen können wirklich nichts dafür.