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Folge 18-23 vom 05. Mai 2023 / Der Wochenrückblick / Man kennt sich / Wie das Getöse um den Graichen-Clan alles übertönt, und was dabei leider fast untergeht

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-23 vom 05. Mai 2023

Der Wochenrückblick
Man kennt sich
Wie das Getöse um den Graichen-Clan alles übertönt, und was dabei leider fast untergeht
Hans Heckel

Mir geht es ja genauso wie Ihnen. Auch ich habe längst den Überblick verloren, wer im Habeck-Ministerium und bei nahestehenden, mit Steuergeld reich beschenkten Organisationen mit wem verwandt ist. Einige Medien malen für ihre Leser bereits Organigramme, um ihnen das kunstvolle Kuddelmuddel der vielfachen privaten Beziehungen zwischen Entscheidungsträgern, Einflüsterern und Begünstigten halbwegs anschaulich zu machen. 

Als Habecks Staatssekretär Patrick Graichen, der als eigentlicher Kopf der Energiewende gilt, schließlich seinen eigenen Trauzeugen in eine lukrative Stellung hieven wollte, ging es selbst grüngewirkten Journalisten zu weit. Es erhob sich ein Getöse, das erstaunlich groß wurde angesichts der ansonsten bedingungslosen Zuneigung, die unsere meisten Medienmacher den Grünen entgegenbringen.

Was eigentlich schade ist, denn in dem Lärm ging eine andere Geschichte fast unter, die eigentlich viel zu irre daherkommt, um wahr zu sein. Ist sie aber, auch wenn man es kaum glauben mag. Und wäre der Hintergrund nicht so traurig und so ernst, hätte diese Geschichte das Zeug für eine Politposse, die dermaßen überzeichnet anmutet, dass sie im Falle einer Veröffentlichung als Buch oder Film von der Kritik ziemlich sicher verrissen würde – viel zu klischeehaft, völlig übertrieben, kurz: unglaubwürdig. 

Fangen wir mit dem glamourösen Finale an. Es ist der 17. November 2022, als die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) Landesverdienstmedaillen an Leute verleiht, die sich als Helfer nach der Ahrtal-Flut hochverdient gemacht haben. Star der Veranstaltung ist Nicole Schober, die unter ihrem Künstlernamen Missy Motown den Klub „Das Bett“ in Frankfurt am Main betreibt. Sie wird als Chefin der gemeinnützigen Gesellschaft „Helfer-Stab“ geehrt, die im Ahrtal Großartiges geleistet haben soll.

Angefangen hat die Geschichte möglicherweise Jahre zuvor, als Missy Motown auf einem Trierer CSD-Marsch Begona Hermann kennengelernt hatte, damals eine Spitzenbeamtin der Mainzer Landesregierung. Hermann, die mittlerweile pensioniert ist, unterschrieb im September 2021 als Vizechefin der Landesbehörde für Katastrophenschutz und Wiederaufbau einen Vertrag mit Missys „Helfer-Stab“, durch den schließlich fast eine Million Euro Steuergelder in die Kasse der Organisation fließen sollten. 

Mitte Juli 2021 waren bei der Flut im Ahrtal 135 Menschen gestorben und unzählige Existenzen vernichtet worden. Gleich nach der Flut hatten sich etliche kompetente Helfer in das Tal begeben, so etwa ein Landwirt mit seinem schweren Gerät und ein Kanal-Unternehmer. Doch ab August sahen die sich plötzlich zu ihrem Entsetzen einer Schmutzkampagne ausgesetzt. Auf einer Antifa-Seite seiner Paderborner Heimat wurde dem Unternehmer beispielsweise per manipuliertem Foto ein SS-Spruch in den Nacken montiert, um ihm eine NS-Gesinnung unterzujubeln. Hasskommentare gegen die Ehrenamtlichen füllten mit einem Mal das Netz. Bundesweit häuften sich dann auch in größeren Medien Berichte über die angeblich rechtsradikale Gesinnung der freiwilligen Helfer.

„Beraterin“ mit bewegter Geschichte

Mittlerweile türmen sich die Verdachtsmomente, dass die Kampagne inszeniert war, möglicherweise, um den Weg freizuschießen für den „Helfer-Stab“, der nach Aussagen von Betroffenen im Ahrtal kaum mehr geleistet haben soll, als Prospekte zu verteilen, wie der „Focus“ berichtet. Hinter der Schmutzkampagne soll eine bayerische „Politikberaterin“ gesteckt haben, die laut Missy Motown 15.000 bis 20.000 Euro Honorar vom „Helfer-Stab“ erhalten hat. 

Die „Beraterin“ streitet eine Beteiligung an der verblüffend prompt und großflächig eingesetzten Kampagne indes ab. Die Endfünfzigerin ist mehrfach wegen Betrugs vorbestraft, musste sogar schon einmal ins Gefängnis. Sie machte Politik mit der Seite „Faktencheck Ahrtal“, auf der vermeintliche Enthüllungen über Helfer wie den Landwirt und den Kanal-Unternehmer gepostet worden waren. Am 18. April verurteilte das Amtsgericht Weilheim die „Beraterin“ wegen gefährlicher Körperverletzung gegen eine Nachbarstochter, Beleidigung und versuchter Nötigung. Da das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, gilt die Unschuldsvermutung.

Zählen wir zusammen: eine persönliche Bekanntschaft, viel Steuergeld für offenbar ziemlich wenig Leistung auf der Basis eines Vertrages ohne gesonderte Ausschreibung, eine „Beraterin“, die allem Anschein nach schon an sich eine eigene Geschichte wert wäre, eine maßlose Schmutzkampagne, um ehrenamtliche Helfer aus dem Tal zu jagen, und zum feierlichen Abschluss die Landesverdienstmedaille. Was sagen Sie: Kann man das verfilmen? 

Na ja, wenn überhaupt, müssten ein paare Details nachgebessert werden. Zunächst haben die Protagonisten dieser Story das falsche Geschlecht. Es müssten Männer sein, nachdem es in unserem Land eine anerkannte Erkenntnis ist, dass Frauen die Politik nicht nur ehrlicher, sondern auch menschlicher machen. Zudem stehen sie politisch auf der falschen Seite. Um staatliche Filmförderung zu erhalten, müssten wir die Rollen also mit Männern besetzen, die politisch auf jeden Fall rechts der Mitte verankert sind. Ein Frankfurter Klub passt auch nicht. Blenden wir stattdessen einen sächsischen Landgasthof ein, in dem sich (das sollte unübersehbar sein) „auch Rechte wohlfühlen“.

Ja, so ginge das! Warten wir ab, wie das Verfahren gegen die „Beraterin“ endet; danach können wir loslegen mit dem Dreh.

Die Frage ist allerdings, ob das Publikum so etwas wirklich lustig fände, wenn es doch weiß, dass dahinter die schreckliche Ahrtal-Tragödie steckt. Und überhaupt scheinen immer Deutsche die Freude an politischer Realsatire zu verlieren, seit sie merken, dass die Schenkelklopfer wie Vorschlaghämmer auf sie selbst, die Bürger, niederkrachen – siehe Habecks Heizhammer.

Die schwindenden Umfragewerte der Grünen legen Zeugnis ab von der wachsenden Humorlosigkeit. Minister Habeck hat das bemerkt und sucht händeringend nach Erfolgsmeldungen, mit denen er das Volk beeindrucken kann. Leider fällt er dabei ebenso ins Realsatirische zurück wie damals mit seiner Bemerkung, Läden, bei denen keiner mehr einkauft, seien ja nicht insolvent, sondern hörten nur auf, etwas zu verkaufen.

Diesmal hat er es fertiggebracht, den Viessmann-Verkauf an einen US-Konkurrenten als Erfolg zu verbuchen nach dem Motto: Dass sich das Ausland unsere Betriebe krallt, zeigt doch, wie begehrt die sind. Was, wenn es nach Habeck geht, selbstverständlich mit seiner genialen Wirtschaftspolitik zu tun hat.

Mehr solche Erfolge, und die Sache mit dem „Industriestandort Deutschland“ hat sich über Kurz oder Lang erledigt. Aber Habeck wird uns dann trösten: Die deutsche Industrie ist gar nicht tot. Sie produziert und verkauft nur nichts mehr.


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