Als am 18. Oktober 1945 in Nürnberg das alliierte Militärtribunal gegen höchste NS-Funktionäre begann, strömten Pressevertreter aus aller Welt in die zerbombte Stadt. Die US-Army richtete für sie ein Presse Camp in einem requirierten Schloss ein, einem Besitz der Bleistiftdynastie Faber-Castell. Das Camp bestand bis zum Ende der nachfolgenden Prozesse 1949.
Der Publizist Uwe Neumahr hat die Geschichte dieses Camps während des Hauptprozesses in dem Buch „Das Schloss der Schriftsteller“ am Beispiel zahlreich angereister Schriftsteller erzählt. „Weltliteratur trifft Weltgeschichte“ schreibt er. Die Anwesenheitsliste gleicht einem Who is Who der damaligen Journalisten- und Kulturszene: John Dos Passos, Ilja Ehrenburg, Erika Mann, Rebecca West und William Shirer, von deutscher Seite unter anderem Erich Kästner, Willy Brandt, Markus Wolf oder Peter de Mendelssohn.
Wegen der unerwarteten Menge mussten die Journalisten teils zu zehnt auf Feldbetten in einem Raum campieren und sich zwei Badezimmer teilen. Verpflegt wurden sie mit Kartoffeln aus Büchsen. Abends floss der Alkohol in Strömen, und alle weltanschaulichen Schranken fielen.
Der Autor porträtiert kurz das aus Vertretern der Siegermächte bestehende Richterkollegium und die ähnlich zusammengesetzte Anklage. Danach schildert er an elf Beispielen, fast schon Psychogrammen vergleichbar (unter anderem Dos Passos, Erika Mann, Rebecca West, Martha Gellhorn, Elsa Triolet), deren Prozessbesuche und Reaktionen.
Viele mussten sich, sagt er, einen „emotionalen Panzer“ zulegen, um das Gehörte und auf Filmen gesehene Grauen auszuhalten. Entsprechend unterschiedlich waren die Reaktionen. Der US-Autor Dos Passos war einer der wenigen, die zu Nachsicht mit den Deutschen neigten. Die meisten anderen aber beseelte tiefer Hass. Zuletzt schildert Neumahr das (vergebliche) Bemühen von Thomas Manns Sohn Golo um Freilassung des in Spandau inhaftierten Rudolf Heß. Er geriet dabei in Gegensatz zu seiner unversöhnlichen Schwester Erika, wie überhaupt dieses Kapitel eine subtile Studie über die Familie Mann in jener Zeit ist.
Ergänzend wäre eine Zeittafel zu allen Prozessen bis 1949 sinnvoll gewesen. Auch wünschte man, die vorgestellten Personen aus ihren Reportagen selbst sprechen zu lassen, so spannend viele biographischen Angaben auch sind. Es waren doch Edelfedern, die damals dort waren. Gleichwohl, ein sehr gelungenes Buch.
Uwe Neumahr: „Das Schloss der Schriftsteller. Nürnberg ’46 Treffen am Abgrund“, C.H. Beck Verlag, München 2023, gebunden, 304 Seiten, 26 Euro


