04.02.2026

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Folge 28-23 vom 14. Juli 2023 / Für Sie gelesen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 28-23 vom 14. Juli 2023

Für Sie gelesen

Sentimentaler Spürhund

Wenn berühmte Schriftsteller andere Autoren empfehlen, ist meist Vorsicht geboten. „Eine höllisch gute Geschichte. Fünf Winter hat mich umgehauen“: Mit diesen Worten preist der Horror-Großmeister Stephen King das 500-seitige Epos seines amerikanischen Landsmanns James Kestrel an. James wer? Der Name des Autors dürfte den Wenigsten etwas sagen. Bei dem Namen handelt es sich um ein Pseudonym des Autors und Anwalts Jonathan Moore. 

Doch nach der rasanten Lektüre des nur im Mittelteil etwas lahmen Romans, der eine Mischung aus Kriegsbuch, Liebesgeschichte und Krimi darstellt, dürfte sich dies ändern. Kestrel sollte man sich vormerken für weitere Bücher. 

„Fünf Winter“ setzt Ende November 1941 in Honolulu ein mit einem schrecklichen Doppelmord an einem jungen Amerikaner, dem Neffen des Oberbefehlshabers der US-Pazifikflotte, und seiner japanischen Geliebten. Mit der Aufklärung des Mordes wird John McGrady, ein Detektiv beim Honolulu Polizeidepartment, beauftragt.

Zwischen Honolulu und Tokio

Der Protagonist ist ein Sympathieträger. In der Tradition von Raymond Chandlers Privatdetektiven Philip Marlowe ist McGrady ein harter Junge und hoffnungslos sentimental. Seine Spannung bezieht das Buch nicht daraus, wie der Mord aufgeklärt wird. Denn der Täter steht relativ früh fest. Seine Faszination gewinnt der Roman dadurch, wie McGrady seiner Spur folgt. Sie führt ihn nach Hongkong und Tokio und nach Ende des Zweiten Weltkrieg wieder zurück nach Honolulu.

Während einige Figuren etwas blass wirken, nimmt der liebeskranke und sehr um Gerechtigkeit kämpfende Protagonist den Leser für sich ein. Er ist einfach ein guter Kerl. Es ist überhaupt eine Stärke des Buches, dass der Autor seine Figuren nicht verurteilt, ob es sich nun um Prostituierte oder ehemalige Kriegsgegner handelt. Nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour wird McGrady in Hongkong gefangen genommen und kann sich nur mit Hilfe eines japanischen Diplomaten retten, der ihn in seinem Haus versteckt. 

Faire Darstellung der japanischen Gesellschaft

Dieser Teil des Buches ist vielleicht etwas zu lang geworden. Der Autor nimmt nach dem rasanten Beginn spürbar die Spannung raus. Dafür überzeugt die faire und eindringliche Darstellung der japanischen Gesellschaft in den frühen 1940er Jahren. 

Der sentimentale Spürhund ist nicht nur auf der Suche nach dem Täter, sondern nach der großen Liebe. Das Ende des Romans, das hier nicht verraten werden soll, werden manche als besonders eindringlich, manche – wozu sich auch der Rezensent zählt – als etwas zu bombastisch empfinden. Insgesamt eine klare Leseempfehlung.Ansgar Lange

James Kestrel: „Fünf Winter“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2023, gebunden, 498 Seiten, 20 Euro