Die deutschen Sparkassen leben seit jeher von ihrem Nimbus, Sparern zu soliden Gewinnen und Verbrauchern zu akzeptablen Krediten zu verhelfen. Jetzt deutet einiges darauf hin, dass die in der Regel öffentlich-rechtlichen Institutionen das ihnen entgegengebrachte Vertrauen verspielen.
Als 1801 die Stadt Göttingen die erste kommunale Sparkasse einrichtet, beginnt damit, was nach dem Ende der napoleonischen Kriege zum Regelfall wird: Die deutschen Städte und ab 1831 auch die Landkreise richten Sparkassen ein, um ihren Bürgern und Handwerkern zu einem kleinen Wohlstand und der örtlichen Wirtschaft zu Wachstum zu verhelfen. Die Sparkassen verschaffen sich schnell den Ruf, nicht selbst auf schnöden Gewinn aus zu sein, sondern als kommunale Einrichtung ganz im Dienste des Volkes zu stehen. Im 20. Jahrhundert, insbesondere im Nachkriegsdeutschland ab den 50er Jahren, verhelfen sie den Häuslebauern zum Haus, dem Handwerker zu neuen Maschinen, dem fleißigen Sparer zu guten Zinsen. Während das Land in den vergangenen fast zweihundert Jahren durch Kriege und Krisen schlittert, bleiben die Sparkassen stabil und zeigen noch im letzten deutschen Dorf mit verlässlichen Ansprechpartnern für die finanziellen Belange des deutschen Michels Präsenz.
Der deutsche Sparkassenverbund besteht heute aus 560 Unternehmen, 16.500 Geschäftsstellen und etwa 300.000 Beschäftigten. Die Sparkassen werben selbstbewusst mit der dezentralen Aufstellung und der Präsenz in der Fläche. Doch das Wegbrechen von Filialen und persönlichen Ansprechpartnern besonders fernab dichtbesiedelter Städte fällt auf. Der gute Ruf der Sparkassen, der noch in den 1990er Jahren galt, bröselt längst vor sich hin. Denn heute ist das Bild von geschlossenen Filialen, von Sparkassenfusionen und einer immer unpersönlicher werdenden Servicekultur geprägt.
Hoher Kostendruck
Am ehesten fällt die Entwicklung im ländlichen Raum auf, wo im Dorf auf einmal die Geschäftsstelle geschlossen wird, der persönliche Ansprechpartner fehlt, ja mancherorts sogar der Geldautomat zurückgebaut wird.
Der Hintergrund dieser Entwicklung ist vielschichtig. Der Kostendruck der Sparkassen hat nicht nur mit der Digitalisierung zu tun. Vor allem auch das Platzen der US-amerikanischen Immobilienblase und die die Weltfinanzwirtschaft erschütternde Insolvenz der New Yorker Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 hatten schwerwiegende Folgen bis hin zur kleinsten Gemeindesparkasse. Gewaltige Kursverluste an den Aktienmärkten, schlechtere Kreditbedingungen und ein Rückgang des privaten Konsumverhaltens bis hin zur Rezession waren die Folge. Fast wie beim Dominoeffekt kam es 2009 zu Staatsschuldenkrisen in Südeuropa und zur Eurokrise 2010.
Zwar sind nur wenige Sparkassen von der Bankenkrise direkt betroffen gewesen, dennoch haben die europäischen Gesetze zur Bankenregulierung eine beachtliche Folgewirkung, an denen auch die kleinen Sparkassen nicht vorbeigekommen sind: Alle Finanzinstitute waren und sind gezwungen, große Reserven aufzubauen, um künftigen Krisen mit entsprechendem Puffer begegnen zu können. Diese Rücklagensicherung können die Finanzinstitute – noch dazu in Zeiten der Zinskrise – allerdings nur aufbauen, indem sie woanders sparen. Der größte Kostenfaktor für Sparkassen ist das vorgehaltene Filialnetz mit entsprechenden Mitarbeiterzahlen.
Da aber auch die Berichtspflicht der Banken im Zuge der Bankenregulierung als Folge der Weltfinanzkrise gerade für kleine Finanzinstitute einen überproportionalen Personalaufwand mit sich bringen, kürzen die Sparkassen das Personal in den Filialen und verweisen die Kundschaft immer weiter auf das Onlinebanking. Bereits zahlreiche Sparkassen haben seit Einführung der verschärften Bankenregulierung Basel II und III den Weg in die Fusion gewählt, um als größeres Institut gerade bei der Berichtspflicht Personal konzentriert einsetzen zu können.
Mangelhafte Sparprodukte
Während junge Menschen damit aufwachsen, ihre Überweisungen im Internet zu tätigen, ist schon der Zugang zum Internet für Hochbetagte zum großen Teil eine unüberwindbare Hürde. Das Gefühl des Abgehängtseins macht sich dann bei der älteren Generation und jenen breit, die dort leben, wo bereits der Netzzugang ein Problem darstellt.
Kommen zum wegbrechenden Filialnetz dann noch mangelhafte Sparprodukte auf den Markt – wie das zu Beginn der Jahrhundertwende massenhaft verkaufte und jetzt die höchsten deutschen Gerichte beschäftigende Produkt „S-Prämiensparen flexibel“ mit variablen Zinsen –, sind die Dispokredit-Zinsen deutlich überzogen, oder die Kontoführungsgebühren massiv angehoben, so geht Vertrauen verloren.
Der Schwund von Sparkassenfilialen hat längst auch die Politik auf den Plan gerufen. So hat vor Kurzem erst Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) den Ostdeutschen Sparkassenverband eindringlich vor Filialschließungen gewarnt, nachdem Verbraucherzentralen mit einem Rechtsgutachten die gesetzliche Verankerung von Mindestzahlen von Filialen und Bankautomaten in den Ländern eingefordert haben. Dabei gehe es nicht nur um ältere Menschen, die sich abgehängt fühlen könnten. „Auch sind Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft und den Tourismus so in den Blick zu nehmen, dass es zu keinem Verlust an Attraktivität in und für den ländlichen Raum kommt“, so Woidkes Warnschuss vor den Bug der Sparkassen.


