04.02.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Folge 31-23 vom 04. August 2023 / Nachruf / Einer der Letzten seiner Art

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 31-23 vom 04. August 2023

Nachruf
Einer der Letzten seiner Art
H. Tews

Arno Schmidt und Heinrich Böll sind schon lange tot, ebenso inzwischen auch Günter Grass, Siegfried Lenz und Hans Magnus Enzensberger. Jetzt hat mit Martin Walser auch der letzte Vertreter jener Schriftstellergeneration, die die bundesrepublikanische Nachkriegsliteratur geprägt haben, die Reise ins Jenseits angetreten. Am 28. Juli ist er in Überlingen in seiner Heimat am Bodensee gestorben, wo er vor 96 Jahren zur Welt kam.

In den über 60 Jahren seiner schriftstellerischen Existenz hat er ungefähr genauso viele Bücher geschrieben, fast jedes Jahr eines. Doch einen großen literarischen Wurf, wie ihn Grass mit der „Blechtrommel“ gelungen war, hatte er nicht gelandet. Mit „Ehen in Phi­lippsburg“ gelang ihm 1957 zwar ein beachtliches Romandebüt, doch zum großen Nachkriegsklassiker wird es nicht reichen. So wird er am ehesten noch mit der kleinen Novelle „Ein fliehendes Pferd“ in Erinnerung bleiben, das als eines seiner wenigen Werke verfilmt wurde – gleich zweimal.

Von sich reden machte er eher mit polemischen und polarisierenden Auftritten. Eines seiner schlechtesten Bücher, „Tod eines Kritikers“, trug ihm empörte Antisemitismus-Vorwürfe ein, weil er darin in verschlüsselter Form seine Fehde mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki austrug. Und seine Paulskirchenrede von 1988 anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels erregte die Öffentlichkeit, weil er es wagte, die Begriffe „Auschwitz“ und „Moralkeule“ in einem Satz zu erwähnen.

Ähnlich wie sein Jahrgangsgenosse Grass nach seinem Outing als Ex-Mitglied der Waffen-SS wurde Walser im Alter immer unbequemer. Vom Liebling der Gruppe 47 und Identifikationsfigur der 68er machte der Autor, der sich anders als viele seiner Kollegen für die deutsche Einheit einsetzte, einen Schwenk zum Heimatautor. Gleich zwei seiner Bücher tragen das Wort Heimat im Titel. Eines seiner schönsten Werke, „Ein springender Brunnen“ von 1998, kann man auch als Heimatroman über den Bodensee lesen.

Doch was bleibt nach Walser übrig? Außer dem zurückgezogen lebenden österreichischen Literaturnobelpreisträger Peter Handke fällt einem kein anderes literarisches Schwergewicht ein.