Ein geflügeltes Wort besagt, dass Günther Prien der berühmteste, Joachim Schepke der beim Volk beliebteste und Otto Kretschmer der erfolgreichste U-Boot-Kommandant im Zweiten Weltkrieg gewesen sei. „Otto der Schweigsame“ wurde Kretschmer vielsagend genannt, was seinen vergleichsweise geringen Bekanntheitsgrad erklären mag. Der ändert aber nichts daran, dass er mit 47 versenkten Schiffen mit 272.282 Bruttoregistertonnen (BRT) und fünf beschädigten Schiffen mit 37.965 BRT am erfolgreichsten war.
Der Oberschlesier kam am 1. Mai 1912 in Heidau zur Welt. Nicht unbedingt üblich für einen deutschen U-Boot-Kommandanten ist, dass er als Jugendlicher in England acht Monate Chemie, Mathematik, und Literatur studierte. 1930 fand er zur Reichsmarine, 1936 kam er zur U-Boot-Waffe. Schon vor dem Weltkrieg erhielt er das Kommando über ein U-Boot, mit dem er während des Spanischen Bürgerkriegs vor der spanischen Küste patrouillierte.
Nach erfolgreichen Feindfahrten wurde wie für Prien und Schepke auch für ihn der März 1941 zum Schicksalsmonat. Auf einer gemeinsamen Feindfahrt im Nordatlantik fielen Prien wie Schepke und Kretschmar gelangte in Kriegsgefangenschaft. Erst kam er nach England, 1942 dann nach Kanada in das Kriegsgefangenenlager Bowmanville. Das Unternehmen Kiebitz, der deutsche Versuch, ihn nach einem Ausbruch nach Deutschland zu bringen, misslang (siehe PAZ vom 7. Juli, Seite 18).
So musste er warten, bis der Krieg zu Ende war und er regulär entlassen wurde. Der Deutsche mit akademischer Vorbildung sowie mehr oder weniger freiwilligen Aufenthalten im englischsprachigen Raum studierte Jura und arbeitete als Dolmetscher. Als im Zuge der westdeutschen Remilitarisierung 1955 mit der Bundeswehr auch die Bundesmarine gegründet wurde, war er von Anfang an dabei. Er machte Karriere. Seine guten Englischkenntnisse prädestinierten ihn für übernationale Aufgaben bei der NATO. Unter anderem war er der erste Kommandeur des Kommandos der Amphibischen Streitkräfte, Chef des Stabes beim Befehlshaber der Seestreitkräfte der Nordsee sowie schließlich Chef des Stabes beim NATO-Befehlshaber der Seestreitkräfte Ostseezugänge. 1970 schied er als Flottillenadmiral aus dem aktiven Dienst und arbeitete anschließend als militärischer Berater. Nachdem er gefährliche U-Boot-Einsätze überlebt hatte, starb der Marineoffizier am 5. August 1998 nach dem Sturz von einer Personaltreppe während einer harmlosen Donau-Kreuzfahrt.