Am 10. August 1913 begann eine neue, ruhmreiche Ära für das antike Amphitheater der italienischen Stadt Verona. Dort, wo nach der Erbauung im ersten Jahrhundert nach Christus etliche Jahre Gladiatoren kämpften, sollte fortan nur noch Theaterblut fließen. Veronas Arena ist das drittgrößte erhaltene Amphitheater nach dem Kolosseum in Rom und der Arena von Capua. Stolze 138 Meter mal 109 Meter misst das Oval von Verona, und in der Höhe werden 24,10 Meter gemessen. Auf den 45 Rängen könnten rund 22.000 Zuschauer Platz finden. Aus Sicherheitsgründen wird jedoch die Anzahl auf 15.000 Personen begrenzt.
Die erste Opernaufführung in der Arena di Verona, ins Leben gerufen durch den Tenor Giovanni Zenatello und den Theaterunternehmer Ottone Rovato, war eine Hommage an den Komponisten Giuseppe Verdi, dessen 100. Geburtstag im Jahr 1913 gefeiert wurde. Damals war der Erfolg seiner Oper „Aida“ so überwältigend, dass sie wiederholt wurde und Opern-Aufführungen dort zur Tradition wurden.
Pausieren musste der Opernsommer in Verona lediglich während des Ersten und Zweiten Weltkriegs sowie im Jahr 2020 aufgrund der Pandemie. Daher feiert man zum 110. Jubiläum der ersten Aufführung erst jetzt das 100. Opernfestival. Heute ist die Arena di Verona ein Mythos. Für viele Musikliebhaber gilt die römische Architektur mit ihrer Akustik als Mekka der Oper. Es muss etwas dran sein, denn bis 2011 wurden keine Mikrofone und Lautsprecher zum Einsatz gebracht.
Die Sitzplätze sind edel und doch schlicht. Der Besucher lässt sich auf echtem Veroneser Marmor Platz nieder. Zumindest dann, wenn er Karten für die Ränge erwirbt. Im unteren Bereich nimmt der Zuschauer auf gepolsterten Stühlen Platz und braucht bei der Anreise nicht daran zu denken, ein Kissen mitzubringen. Während die Einwohner Veronas sich in Alltagskleidung gerne die Stufen der oberen Ränge sichern – hier soll die Akustik besonders gut sein – sieht man die in Abendroben gewandeten Zugereisten in der Regel vorn unten ihren Platz einnehmen. Dicht dran am Geschehen ist die Sicht auf die Sänger sicher etwas besser. Doch egal, wo der Besucher einen Platz ergattert – es gilt: Der Besuch dieser Kultstätte ist ein Muss. Dafür werden Reisen in schlecht klimatisierten Bussen in Kauf genommen oder lange Anfahrten im eigenen Pkw. Und das ist noch nicht alles.
Die Vorstellungen finden unter freiem Himmel statt. Ein Opernbesuch in Verona ist entsprechend ein Ausflug in die Natur. Der heilige Petrus hat nicht immer gute Laune, aber immer seine Hand im Spiel, wenn es darum geht, ob der Operngenuss uneingeschränkt stattfinden kann. Ist es sommerlich warm und trocken, läuft alles nach Spielplan. Bei schlechtem Wetter mit Schauern und Gewittern behält es sich die Fondazione Arena di Verona vor, den Beginn der Aufführung um bis zu 150 Minuten zu verschieben. Im schlimmsten Fall erfolgt die vollständige Absage der Aufführung.
Petrus spielt meist immer mit
Zieht während einer Vorstellung ein Gewitter auf und beginnt es, stark zu regnen oder sogar zu hageln, wird die Vorstellung abgebrochen. Die Besucher erhalten jedoch in keinem Fall das Geld zurück. Anspruch auf eine Ersatzvorstellung besteht ebenfalls nicht. Für den Kauf von Karten anderer Vorstellungen wird in diesem Fall jedoch eine Vergünstigung gewährt. Es bleibt ein Risiko für den zahlenden Musikfreund, das immer wieder die Veranstalter dazu angeregt hat, über raffinierte Dach-Lösungen nachzudenken.
Im Jahr 2017 wurden Pläne für eine mobile Überdachung entworfen, von denen zunächst gemeldet wurde, sie würden umgesetzt. Doch am Ende scheiterte die Idee an den zuständigen Behörden, die das antike Amphitheater nicht mit einer modernen Lösung in Form eines Faltdachs verschandelt sehen wollten. Der Musikgenuss ist daher seit 110 Jahren wetterabhängig und wird es bleiben.
Die Fondazione Arena di Verona hat nicht nur im Hinblick auf das Wetter strikte Regeln aufgestellt. Damit der Einlass gut geordnet ablaufen kann, sind die Besucher aufgefordert, sich mindestens eine Stunde vor dem Beginn der Aufführung einzufinden. Zuspätkommende dürfen erst bei der ersten sinnvollen Pause in die Arena und müssen der Vorführung bis dahin von draußen lauschen. Streng bestraft wird, wer einen anderen, besseren und zufällig freien Platz einnimmt als den, der auf seiner Karte ausgewiesen ist. Fällt der Platztausch auf, kann der Kontrolleur den schummelnden Gast aus der Arena verweisen.
Die Opernkulissen sind mal spektakulär, mal technisch hochmodern, mal altmodisch – aber immer sehr aufwendig. Im Jahr 2019 sorgte ein 60 Tonnen schwerer Mobilbaukran dafür, dass die Elemente der Bühnenbilder wie am Schnürchen gewechselt werden konnten. Die Anlieferung des außergewöhnlichen Helfers, der auf fünf Achsen durch die Stadt rollte, war mindestens ebenso beeindruckend wie die futuristischen Bühnenbilder, die im Pandemie-Jahr 2021 in der Arena di Verona gezeigt wurden.
In der Corona-Spielzeit 2021 gab es wie überall Vorschriften. Die Abstände zwischen den Besuchern waren groß, entsprechend wenig Karten durften angeboten werden. Und auch das Bühnenbild wurde angepasst. Statt herkömmlicher Kulissen, die ausgewechselt werden müssen, wurde auf Flüssigkristall-Bildschirmwände gesetzt, die überraschend prachtvolle Hintergrundbilder erzeugten. Die virtuelle, computergesteuerte Kulisse kam gut an beim Publikum.
Im krassen Gegensatz zu dem digitalen Bühnenbild aus dem Jahr 2021 steht die Erhellung der Arena durch die Kerzen, die an die Zuschauer ausgegeben werden. Seit der ersten Darbietung von „Aida“ ist es Tradition, dass die Zuschauer beim Einsetzen der Dunkelheit Kerzen entzünden. Was heute vor allem für bezaubernde Stimmung sorgt, war ursprünglich dazu gedacht, begleitend zum Gesang der Darsteller den Librettotext mitzulesen.
Luciano Pavarotti, Placido Domingo, Renata Tebaldi, Maria Callas und Anna Netrebko – in Veronas Arena waren im Laufe der Zeit die ganz großen Namen der Opern-Szene zu Gast. Die russische Sopranistin Netrebko ist auch in diesem Jahr wieder mit von der Partie und gibt die Aida. Seit der ersten Aufführung im Jahr 1913 darf „Aida“ auf dem Spielplan nicht fehlen. Rund 700 Mal ist die Oper seitdem in Verona aufgeführt worden.
Spielplan (auf Deutsch), Termine und Karten: www.arena.it/de


