Kaum vom Tierheim in ihrem neuen Zuhause angekommen und für ihr Übergewicht erstaunlich behände, sprang Lissy stante pede aus dem lästigen Katzenkorb, floh unter das Bett und wollte den heimeligen Schutz der Dunkelheit partout nicht mehr verlassen. Alles Locken und Flehen war umsonst, bis die neue tierische Mitbewohnerin schließlich Hunger bekam und endlich Präsenz zeigte. Zufrieden putzte sich Lissy nach der üppigen Mahlzeit, erkor den Dosenöffner zu ihrem „Papa“ und entschloss sich zu bleiben.
Das ist nun fast zehn Jahre her. Inzwischen hat Lissy im Haus eindeutig das Regiment übernommen. Sie besteht vehement auf einen regelmäßigen Tagesablauf, scheut sich dabei auch nicht, zu nachtschlafender Zeit ihr Futter einzufordern oder sich zu beschweren, wenn man ihr den Futternapf nicht schnell genug vor die Fellnase stellte.
Allerdings ist Lissy schon etwas in die Jahre gekommen. Man merkt es an ihren Launen. Royale Attitüden hatte die Katze sowieso von jeher meisterlich perfektioniert. Doch jetzt geht sie mit ihrer Gunst extrem wahllos um. Unvermittelt fauchte sie eines Tages grundlos eine bekennende Katzenliebhaberin an, die diese Episode nachhaltig verstörte. Die Putzfrau wiederum mochte sie, der Putztag war schnell als jour fixe in Lissys goldbeschlagenem Kalender notiert.
Die Tür schließt sich, die Putzfrau geht ihrer Wege. Lissy steht ratlos im Flur, dann geht sie ins Wohnzimmer, bleibt stehen und überlegt. Zögert, geht, hält erneut inne, als wüsste sie schon nicht mehr, was sie gerade getan hat. So geht das manchmal eine ganze Zeit lang, und es ist für den Menschen nicht schön anzusehen. Oft ist sie unruhig und kann nicht mehr lange an einem Ort ausharren, fordert dann noch beharrlicher und viel öfter als sonst ihr Futter ein. Wahrscheinlich hat sie Demenz, an der die Samtpfoten auch erkranken können, vielleicht vergisst sie, dass sie gerade ihre Mahlzeit bekommen hat. Auch äußerlich hat sie sich verändert. Die Veränderung kam zunächst schleichend, dann wurde sie schnell unübersehbar. Das Fell wurde stumpf, struppig sieht sie aus, magert immer mehr ab, obwohl sie reichlich frisst, das hohe Alter fordert seinen Tribut. In gewisser Weise ist das auch ein Tabuthema, wer denkt schon gerne daran, wenn er sein Katzenjunges, neudeutsch „kitten“, bekommt, dass das Tier auch einmal altern könnte? Doch wenn es dann soweit ist, zeigt sich wahre Tierliebe, weil dann großes Verständnis und viel Geduld vonnöten sind.
Genau auf diese Problematik will der Weltkatzentag aufmerksam machen, der immer am 8. August auch das Zusammenleben zwischen Katzenfreunden und ihrem Lieblingstier würdigen will. Denn die Katze ist nun einmal das beliebteste Haustier der Deutschen, was bei 15 Millionen Exemplaren, die 2022 in deutschen Haushalten lebten, nicht immer nur Harmonie mit sich bringt, sondern auch Leid und Trauer. Dann nämlich, wenn man merkt, dass das Tier so langsam in die Jahre kommt, wenn es krank wird, wenn man sich bald von ihm verabschieden muss.
Auch Lissys Ende ist absehbar, in einem Monat erreicht sie das für Katzen biblische Alter von 20 Jahren. Das hat in ihrem Haushalt keine/r vor ihr geschafft, noch nicht einmal einer ihrer Vorgänger, der rustikale Kater „Billy“, dessen Leibspeise Spiegeleier waren, und der trotz dieser zur Nachahmung nicht empfohlenen Nahrungsergänzung immerhin ein Alter von 16 Jahren erreichte, bis eine Nierenkrankheit sein Dasein beendete.
Ihre große Neugier hat Lissy sich trotz der körperlichen Gebrechen unverändert bewahrt. Vielleicht ist das ihr mentaler Jungbrunnen, ihre Zufriedenheit, die man ihr deutlich anmerkt, wenn sie so in ihrem Katzenkorb liegt und sinnierend mit ihren grünen Augen aus dem Fenster schaut. Was mag sie wohl denken? Denkt sie überhaupt etwas? Was geht in ihr vor? Ewige Fragen und nie eine Antwort.
Lissy schweigt wie immer, schnurrt oder zuckt im Schlaf, und freut sich dann ausgeruht auf die nächste Mahlzeit. Und natürlich auf die Fernsehsendung „Tiere suchen ein Zuhause“. Die schaut sie am liebsten. Wenn sie nicht gerade mit Fressen beschäftigt ist.


