04.02.2026

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Folge 31-23 vom 04. August 2023 / Biographie / Psychogramm des Politikers Brandt / Gunter Hofmann zeichnet den Weg des ersten SPD-Bundeskanzlers von den Anfängen im Exil bis an die Spitze der Bundesregierung nach

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 31-23 vom 04. August 2023

Biographie
Psychogramm des Politikers Brandt
Gunter Hofmann zeichnet den Weg des ersten SPD-Bundeskanzlers von den Anfängen im Exil bis an die Spitze der Bundesregierung nach
Dirk Klose

Noch ein Buch über Willy Brandt? Gibt es denn nicht schon genug, wird sich mancher fragen. Es liegt wohl an großen Persönlichkeiten selbst, die  zu immer neuer Darstellung reizen. Hier ist es Gunter Hofmann, der viele Jahre in Bonn als Parlamentskorrespondent der „Zeit“ gearbeitet und Brandt (1913–1992) aus nächster Nähe kennengelernt hat. 

Hofmann wählte als Untertitel „Sozialist – Kanzler – Patriot“. Unter diesen Schlagworten betrachtet er das Leben des früheren Bundeskanzlers (1969–1974). Noch unter den Namen Herbert Frahm war Brandt in Lübeck politisch in der linken Splitterpartei SAP groß geworden, für die er ab 1933 im norwegischen Exil Kurierdienste absolvierte und sich zudem als Journalist in Norwegen über Wasser hielt. Nach dem deutschen Einmarsch 1940 floh er nach Schweden. Unter dem Einfluss der dortigen Sozialdemokratie wandelte er sich nach eigenem Bekunden zum demokratischen Sozialisten. 

Seine Stationen ab 1946 in Deutschland waren Berlin, dort ab 1957 Regierender Bürgermeister, 1966 Außenminister in der ersten Großen Koalition in Bonn, 1969 dann erster SPD-Bundeskanzler. 1974 trat er nach der Enttarnung des DDR-Spions Günter Guillaume zurück. Seine „neue Ostpolitik“, der im Buch das am spannendsten zu lesende Kapitel gilt, erreichte ihre Höhepunkte mit den Verträgen von Moskau, Warschau und Prag. Nach der Kanzlerzeit drängte er als Vorsitzender der von der UNO eingesetzten Nord-Süd-Kommission auf internationale Zusammenarbeit bei der die Menschheit bedrohenden Katastrophen wie Hunger, Kriege und Klima. 1989 kam zu seiner Genugtuung in Deutschland zusammen, „was zusammen gehört“. Zwei gesonderte Kapitel gelten zum einen Herbert Wehner, zu dem Brandt in unversöhnlichem Gegensatz stand, zum anderen seinem treuen „Es-Pe-De-Trommler“ Günter Grass.

Am Ende dieses so materialreichen Buches reibt man sich gleichwohl die Augen: Der Autor hat in erster Linie ein Psychogramm des Politikers Brandt geliefert, eines Mannes, der sich zeitlebens als Gehetzter und Außenseiter gefühlt habe. Aber zu seiner Politik selbst erfährt der Leser nur wenig: Ausführlich wird der Moskauer Vertrag erwähnt, weniger der von Warschau, gar nicht der von Prag. Die Europapolitik fehlt ebenso wie Brandts Amerika- und Israelreisen. Akzeptiert man diese Einschränkung, hat man ein überaus lesenswertes Buch vor sich über einen Politiker, dessen Devise war: „Wir brauchen eine Synthese von praktischem Denken und idealistischem Streben.“ 

Gunter Hofmann: „Willy Brandt. Sozialist – Kanzler – Patriot“, C.H. Beck Verlag, München 2023, gebunden, 518 Seiten, 35 Euro