Auf Initiative des aufstrebenden Bürgertums entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vielerorts in Deutschland öffentliche Tierparks, die der Erholung und Bildung dienen sollten. So auch im Osten, wo bereits im Juli 1865 der Breslauer Zoo seine Pforten öffnete. Wenige Jahre darauf verfolgte man in Königsberg ähnliche Pläne, deren Verwirklichung jedoch zunächst scheiterte, weil die finanziellen Mittel fehlten.
Das änderte sich erst 1895. Damals fand auf dem Hufenpark am Rande der Stadt die Nordostdeutsche Gewerbeausstellung statt. Das brachte deren Leiter, den Zahntechniker und Apotheker Hermann Claaß, auf die Idee, einen früheren Vorschlag des Königsberger Oberbürgermeisters Karl Selke aufzugreifen und hier einen Tiergarten einzurichten, wobei nun die Holzbauten der Gewerbeausstellung den Grundstock bilden sollten. Also eta-blierte er gemeinsam mit dem Direktor des Zoologischen Instituts der Albertus-Universität, dem Professor Max Braun, einen Verein zur Förderung des Vorhabens, der seine Tätigkeit zum 28. August 1895 aufnahm. Wegen des großen Interesses innerhalb der Königsberger Bürgerschaft und fließender Spenden vermochte es der Verein tatsächlich, einige der Gebäude der Gewerbeausstellung aufzukaufen. Diese wurden dann umgebaut beziehungsweise mit Außenanlagen versehen, sodass der Königsberger Tiergarten schon am 21. Mai 1896 unter allgemeinem Jubel seine Pforten öffnen konnte.
Zu diesem Zeitpunkt verfügte der bald von dem rührigen Claaß geleitete Zoo über 893 Tiere, die 262 Arten angehörten und zumeist mit Hilfe der Tierhandlung Hagenbeck in Hamburg beschafft worden waren. Dazu gehörten nicht zuletzt ein Elefant, ein Leopard, ein Puma sowie mehrere Löwen und Tiger.
Besondere Attraktionen
Da der Königsberger Tiergarten keine Zuschüsse vom preußischen Staat erhielt, mussten die Mittel für den Ausbau und den Unterhalt durch Eintrittsgelder und zusätzliche Angebote auf dem Gelände des Zoos erwirtschaftet werden. So konnten die Besucher auch Ausstellungen und Konzerte genießen oder ihr Geld in einem Restaurant, einem Weinlokal, einer Konditorei, einem Milchkurhaus und zwei Bier-Pavillons lassen. Darüber hinaus gab es zehn Tennisplätze für das betuchte Publikum. 1898 wartete dann gar noch eine ganz besondere Attraktion: Da hatten die Leute die Möglichkeit, mittels eines Heißluftballons bis auf 300 Meter Höhe aufzusteigen. Das kostete drei Mark, also das Sechsfache des Preises der Tageskarte für Erwachsene.
Aufgrund der eingenommenen Gelder wuchs der Tierbestand rapide. Der diesbezügliche Rekordwert wurde im Jahre 1910 erreicht und lag bei genau 2161 Stück. Vom damals sehr guten Ruf des Königsberger Zoos kündete unter anderem das Buch des prominenten britischen Großwildjägers Charles Victor Alexander Peel „Zoological Gardens of Europe“, welches der Einrichtung in Königsberg viel Lob zollte, wenngleich mit einer Einschränkung: „Je weiter man in Europa nach Nordosten kommt, desto misstrauischer wird man von den Tierpflegern beäugt.“ So hätten diese Peel im Königsberger Tiergarten öfter als nötig beim Fotografieren behindert.
Zusätzlich zur Erweiterung des Tierbestandes kam es auf Initiative des Denkmalamtes der Provinz Ostpreußen 1912 zur Eröffnung eines Heimatmuseums auf dem Zoogelände mit Windmühle, Backofen, Dorfkirche und zahlreichen Bauernhäusern in sämtlichen für die Region typischen Bauformen. Dieses erste deutsche Freilichtmuseum überhaupt musste 1938 allerdings aus Platzgründen auf den Hexenberg nördlich von Hohenstein im Kreis Osterode verlegt werden. Dort existiert es noch heute unter dem Namen „Museum für volkstümliche Baukunst“.
Der Erste Weltkrieg führte zu einer scharfen Zäsur für den Königsberger Zoo: Zum einen wurden viele Beschäftigte zum Militär eingezogen, woraus die Schließung der Anlage für Besucher resultierte, zum anderen wurde eine drastische Reduzierung des Tierbestandes wegen Futtermangels nötig. Also setzte man kleinere einheimische Arten in Freiheit und erschoss etliche Großtiere.
Zäsur durch Ersten Weltkrieg
Nach Kriegsende 1918 erfolgte sofort die Neueröffnung, was insofern eine Besonderheit war, als andere deutsche Zoos teilweise noch lange geschlossen bleiben mussten – der von Breslau beispielsweise bis 1927. Allerdings brachten die angeblich so „goldenen“ Zwanziger mit ihrer Hyperinflation und der später einsetzenden Weltwirtschaftskrise auch für den Königsberger Tiergarten harte Jahre. Dennoch erholte sich der Bestand langsam: 1920 konnten die Besucher wieder rund
380 Tiere bestaunen und 1924 dann um die 700 Exemplare von etwa 200 Arten. Diese Aufwärtsentwicklung resultierte zum Teil aus der ersten Deutschen Ostmesse 1920, die im Tiergarten abgehalten und von keinem Geringeren als dem sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert eröffnet worden war.
Als besonders bemerkenswert galten seinerzeit die Züchtungserfolge des Königsberger Zoos: 1923 hatten die hier gehaltenen Kondore Nachwuchs und in den frühen 1930er Jahren dann auch die Tiger, Leoparden, Zebras, Elche, Emus, Pinguine und Seelöwen. Das führte schließlich zu einer Raumnot und Umbauarbeiten, um diese zu beheben. In dieser Zeit entstand das neue Eingangsgebäude im Bauhaus-Stil.
Die Stadt Königsberg, welche 1938 Eigentümerin des Zoos wurde, wollte ihn noch mehr erweitern, musste ihre Pläne aber 1939 angesichts des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges aufgeben. Andererseits blieb der Tiergarten zunächst vom Krieg verschont, da Königsberg erst ab August 1944 schweren Bombenangriffen der Alliierten ausgesetzt war. Zuvor führte der damalige Oberveterinär der Wehrmacht, Verhaltensforscher und Regierungsrat im Reichsministerium für Landwirtschaft und Ernährung, Bernhard Grzimek, hier noch Forschungen an Elefanten durch.
Grzimek forschte bis 1944
Im Januar 1945 wurde Königsberg dann angesichts des Heranrückens der Roten Armee zur Festung erklärt. Das hatte unter anderem die Erschießung von Großtieren wie Bären, Raubkatzen und Elefanten zur Folge, weil man befürchtete, sie könnten bei den kommenden Kämpfen ausbrechen und die Bevölkerung gefährden.
Nachdem die Rote Armee Königsberg am 9. April 1945 erobert hatte, lag der Zoo an vielen Stellen ebenso in Trümmern wie die Stadt. Und es lebten gerade noch vier Tiere: ein Damhirsch, ein Europäischer Dachs, ein Esel und ein Flusspferd namens Hans, das 1930 aus dem Tiergarten in Wien-Schönbrunn nach Königsberg gebracht worden war. Dieses befand sich zum Ende der Kämpfe in einem äußerst kritischen Zustand. Das resultierte einerseits aus dem Fehlen von Futter und Wasser über fast zwei Wochen. Andererseits lag der Paarhufer mit sieben Granatsplittern im Körper hilflos in einem Graben. Dort wäre er sicher verendet, wenn der tiermedizinisch erfahrene sowjetische Militärarzt Wladimir Polonskij nicht den Auftrag erhalten hätte, Hans zu behandeln und zu pflegen, was dem Flusspferd mit dem deutschen Namen das Leben rettete.
Dadurch konnte es zum Wappentier des Tiergartens avancieren, als dieser am 27. Mai 1947 als „Kaliningrader Zoopark“ wieder für Besucher öffnete. Nun freilich nicht mehr unter der Leitung des vormaligen Direktors Hans-Georg Thienemann, dem Sohn des berühmten deutschen Ornithologen und Begründers der Vogelwarte Rossitten, Johannes Thienemann. Denn der war mit zahlreichen seiner Mitarbeiter nach Westen geflüchtet und fungierte seit 1946 als Direktor des Zoos in Duisburg.
Zum Zeitpunkt der Neueröffnung zeigte der nunmehrige „Kaliningrader Tiergarten“ 50 Tiere, wobei der Bestand in den folgenden Jahren sukzessive anwuchs, weil nach und nach immer mehr Exemplare aus anderen Zoos der UdSSR eintrafen. Darüber hinaus brachten Seeleute der sowjetischen Fischereiflotte viele exotische Tiere mit und schenkten sie dem Tiergarten.
Aufgrund des Umstandes, dass die historischen Gebäude, Volièren, Käfige und Tiergehege noch aus der Zeit vom Ende des 19. beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts stammten, musste der Zoo dringend modernisiert werden. Hierbei erwies sich besonders das seit 1973 praktizierte System der Patenschaften als nützlich: Mit Hilfe zahlreicher Organisationen und Betriebe der Stadt entstanden mehr als 130 neue Anlagen und Gebäude oder erfuhren eine Instandsetzung. Dazu kam die Sanierung von Wegen, Brücken, Kanälen sowie Strom- und Wasserleitungen.
Von 1947 bis heute
Heute erstreckt sich der Königsberger Zoo über mehr als 16 Hektar, und sein Tierbestand liegt bei rund 2360 Exemplaren, welche etwa 320 Arten angehören. Er ist Mitglied in der Euroasiatischen regionalen Assoziation von Tiergärten und Aquarien und wirkt an Projekten zur Erhaltung und Zucht bedrohter Tierarten mit. In diesem Zusammenhang gelang es unter anderem, bei den Schneeleoparden, Flachlandtapiren und Gänsegeiern Nachwuchs zu bekommen. Desgleichen fungiert der Zoo auch als Arboretum, das heißt als Sammlung verschiedenartiger exotischer Bäume und Sträucher. Ebenso bietet er eine Vielzahl von steinernen oder bronzenen Tierskulpturen.
An Baulichkeiten aus der Vorkriegszeit sind unter anderem noch die Bären- und Löwen-Freianlagen, die Adlervolière und das Seetierhaus mit seinem Außenbecken erhalten. Dazu kommt das 1911 gebaute und von dem Königsberger Architekten Otto Walter Kuckuck entworfene Gesellschaftshaus im Neobarock, welches jetzt als Direktionsgebäude mit Konferenzsaal und Bibliothek dient.
Aufgrund der relativen Vernachlässigung des Königsberger Zoos nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bestand wieder ein erheblicher Sanierungsbedarf, zumal etliche der historischen Gehege und Bauten nun auch nicht mehr den Erfordernissen einer zeitgemäßen Tierhaltung entsprechen. Deshalb wurde sogar schon über einen Abriss nach-gedacht.
Dieser war für die derzeitige Leiterin des Zoos, die Biologin Swetlana Sokolowa, jedoch keine Option: Der Tiergarten in Königsberg sei eine der drei ältesten derartigen Einrichtungen in der Russischen Föderation und müsse unbedingt erhalten bleiben – einerseits, um einen modernen europäischen Zoologischen Garten zu schaffen, andererseits aber auch, um das hier noch sichtbare deutsche Erbe zu pflegen.
Sichtbares deutsches Erbe pflegen
Um den Erhalt des deutschen Kulturerbes hat Sokolowa sich schon zuvor verdient gemacht. Seit Anfang der 1990er Jahre wirkte sie als Direktorin des Museums Friedländer Tor und knüpfte Kontakte zu deutschen Museen und Archiven. Den Lesern der PAZ ist sie nicht unbekannt. Als Teilnehmerin der von der Landsmannschaft Ostpreußen veranstalteten Deutsch-Russischen Foren trat sie immer wieder in Erscheinung.
Unter der Ägide der engagierten Direktorin wurden seit ihrem Amtsantritt im Königsberger Tiergarten im Jahr 2010 bereits viele Modernisierungen durchgeführt. Neben der Reparatur der vorhandenen Infrastruktur wurden unter anderem ein Affenhaus und ein Haus für tropische Vögel errichtet. Wie zuvor schon als Museums- knüpfte sie auch als Zooleiterin zahlreiche Kontakte zu europäischen Partnern, bereiste die namhaften Einrichtungen – unter anderem auch Hagenbecks Tierpark in Hamburg –, um die dort gesammelten Erfahrungen mit nach Königsberg zu nehmen.
Inzwischen wurde im Königsberger Tiergarten auch wieder ein Museum eingerichtet.


