Noch vor wenigen Wochen hörten wir aus dem Munde des Bundeskanzlers und seines Verteidigungsministers, zu welchen großen Hoffnungen die Entwicklung des zentralafrikanischen Staates Niger berechtige. Hier sei mit dem Präsidenten Bazoum erstmals ein Staatsoberhaupt in einem einwandfreien demokratischen Verfahren an die Macht gekommen. Außerdem sei Niger ein unverzichtbarer Stützpunkt für die Versorgung der in Mali verbliebenen deutschen Soldaten.
Am 26. Juli 2023 sah dann alles auf einmal ganz anders aus. Eine Junta von Heeresgenerälen hatte dem demokratisch gewählten Präsidenten Hausarrest erteilt und die Armee auf ihre Seite gebracht. Derweil verspricht der russische Präsident Gratis-Getreidelieferungen für Afrika. Und die Konrad-Adenauer-Stiftung ließ durch ihren Repräsentanten in der Region Zweifel daran bekunden, ob es so einfach sein würde, in Afrika Rechtsstaat und Demokratie aufzubauen.
Die unverzeihlichen Beurteilungsfehler durch das Auswärtige Amt, den Bundeskanzler und den Verteidigungsminister sowie nicht zuletzt der erneute völlige Ausfall des BND bringen die deutschen Soldaten in Afrika in eine prekäre logistische Situation. Wenn Niger ausfallen sollte, dürfte der Rückzug aus Mail per Lufttransport außergewöhnliche Schwierigkeiten bereiten. Scheinbar ist der Auslandsgeheimnisdienst BND auch im Falle von Niger nicht über die zu erwartenden Entwicklungen informiert gewesen. In Afrika, also einem wirtschaftlich unterentwickelten Kontinent, der längst nicht über die staatlichen Infrastrukturen verfügt wie die europäischen Staaten, war für den BND der Handstreich der Niger-Generäle allem Anschein nach nicht vorhersehbar.
Gewiss wird die deutsche politische Klasse auch diesen Fall eklatanten und außenpolitischen Versagens mit den Worten begleiten, die den Zwergnase der Außenpolitik, Heiko Maas, berühmt machten, als er 2021 angesichts des Afghanistan-Desasters ausrief: „Wir haben uns alle geirrt!“ Und gespannt darf man darauf sein, wie die öffentlich-rechtlichen Medien in trauter Gemeinsamkeit mit den politischen Parteien diese eklatanten Beurteilungsfehler glattbügeln werden.
Doch die Deutschen haben schon einiges mitgemacht und werden angesichts ihres Interesses beziehungsweise ihres Desinteresses an Afrika nur kopfschütteln darüber, was deutsche Soldaten in Afrika überhaupt zu suchen haben. Angesichts des 125. Todestages Bismarcks darf man an dessen weise Voraussicht nach der Reichsgründung in Versailles beim Tischgespräch am 9. Februar 1871 erinnern:
„Ich will auch gar keine Kolonien. Die sind bloß zu Versorgungsposten gut. In England sind sie jetzt nichts anderes, in Spanien auch nicht. Und für uns in Deutschland diese Kolonialgeschichte, wäre für uns genauso wie der seidene Zobelpelz in polnischen Adelsfamilien, die keine Hemden tragen.“
Doch die Bundesheinzelmännchen, sogar die Inhaber von ministeriellen Schlüsselressorts, sind so geschichtsvergessen, dass sie wahrscheinlich über diese weise Voraussicht Bismarcks nicht einmal informiert sind.
Deutschland sollte also mehr Bismarck wagen! Dann stände die Berliner Afrika-Außenpolitik auf solideren Füßen und würde sich nicht länger in militärische Abenteuer einlassen, die ausschließlich der Harmonie mit der Ex-Kolonialmacht Frankreich geschuldet sind.
Prof. Dr. Markus C. Kerber ist Professor für Finanzwirtschaft und Wirtschaftspolitik an der TU Berlin. 1998 gründete er den interdisziplinären Thinktank Europolis.