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Folge 32-23 vom 11. August 2023 / Analyse / Putin „erinnert“ Polen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 32-23 vom 11. August 2023

Analyse
Putin „erinnert“ Polen
Bodo Bost

Durch die Verlegung der Söldner der Gruppe Wagner an die Westgrenze von Weißrussland und der dadurch in Belarus’ westlichem Nachbarn Polen gestiegenen Befürchtungen um seine Sicherheit ist Deutschlands östlicher Nachbar wieder verstärkt in den Fokus von Russland geraten. Obwohl die Republik Polen im Norden eine direkte Grenze mit der Russischen Föderation hat, ist es die Ostgrenze, die in Polen derzeit in den Vordergrund rückt, weil neben den Wanger-Söldnern Moskau neuerdings Nuklearwaffen an der polnisch-weißrussischen Grenze stationiert hat. 

In Russland wird derzeit im Stile des neuen Geschichtsrevisionismus daran erinnert, wem Polen den Gewinn seines heutigen Westens – des historischen deutschen Ostens – zu verdanken hat, nämlich „Väterchen Stalin“, der, nachdem er das Gros der polnischen Offiziere in Katyn hatte ermorden lassen, am Ende des Krieges sein Herz für Polen entdeckt haben soll. Dies hätten die derzeitigen Behörden in Warschau offenbar vergessen, hieß es in staatlichen russischen Printmedien und Rundfunksendern. 

Daran erinnerte auch der russische Präsident Wladimir Putin bei einer Sitzung des Sicherheitsrats. Er sagte, dass der Westen Polen 1939 bereits an das Dritte Reich verloren gegeben habe und das Land seine Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit verloren hatte, bevor dank der Maßnahmen der Sowjetunion Polen habe wiederhergestellt werden können – als undankbarer Satellit der UdSSR. Letzteres sagte Putin freilich nicht. „Die westlichen Gebiete des heutigen Polens sind Stalins Geschenk an die Polen. Haben unsere Freunde in Warschau das vergessen? Wir werden Sie daran erinnern“, warnte Putin bei einem operativen Treffen mit dem Sicherheitsrat, berichtete die staatliche russische Nachrichtenagentur TASS.

Westlicher Griff nach der Ukraine?

Putin behauptete weiter, dass der Westen plane, die Gebiete der Westukraine mit einer polnisch-litauisch-ukrainischen Militäreinheit zu besetzen. „Ich kann nicht umhin, das gerade Gesagte und die in der Presse erschienenen Berichte über Pläne zur Schaffung einer sogenannten polnisch-litauisch-ukrainischen Verbindung zu kommentieren. Das heißt, wir sprechen nicht von einer Art Ansammlung von Söldnern, sondern von einer regulären, eingespielten und ausgerüsteten Militäreinheit, die für Operationen auf dem Territorium der Ukraine eingesetzt werden soll“, sagte Putin. „Wenn die polnischen Einheiten beispielsweise in Lemberg oder in andere Gebiete der Ukraine eindringen, werden sie dort bleiben. Und sie werden für immer bleiben“, fügte der russische Präsident hinzu. Da war bei Putin wohl der Wunsch Vater des Gedankens, denn der Russe hofft offenbar, dass seine Gebietsgewinne in der Ukraine für immer russisch bleiben. 

Polens „Westverschiebung“

Obwohl sich Putin schon mehrmals in den letzten Jahren von Josef Stalin distanziert hat und dessen Nationalitätenpolitik verantwortlich macht für den späteren Zerfall der UdSSR, imitiert Putin viele der Methoden des roten Diktators immer mehr. Stalins Mitschuld am Kriegsbeginn durch den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag wird bis heute in den russischen Geschichtsbüchern verschwiegen. Die sowjetische Westgrenze, die in dem Molotow-Ribbentrop-Pakt beziehungsweise in dem einen Monat später ebenfalls von dem sowjetischen Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Wjatscheslaw Molotow, und dem deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop unterzeichneten Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag festgeschrieben wurde, die von dem britischen Außenminister George Curzon auf der Basis der Sprachgrenze gezogene Curzon-Linie, blieb auch nach 1945 die Westgrenze der UdSSR. Für den Verzicht auf seine Kriegsbeute aus dem polnisch-ukrainischen Krieg von 1918/19, dem polnisch-litauischen Krieg von 1920 und dem polnisch-sowjetischen Krieg von 1919 bis 1921 sollte Polen mit ostdeutschem Gebiet entschädigt werden. 

Diese sogenannte Westverschiebung Polens konnte Stalin bei den Verhandlungen mit dem US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt und dem britischen Premier Winston Churchill auf der Konferenz von Teheran vom 28. November bis 1. Dezember 1943 und während eines Moskaubesuchs von Stanisław Mikołaj-czyk, dem Ministerpräsidenten der polnischen Exilregierung in London, im Sommer 1944 herausholen. Mikołajczyk wollte Lemberg und nicht Breslau haben.