Hedwig Weiß stammte aus Königsberg, hatte bei ihrer Ausbildung zur Malerin und Graphikerin berühmte Lehrer wie Fritz von Uhde und erntete dann als Künstlerin zwischen Impressionismus und Realismus viel Lob auch von Berühmtheiten wie Max Liebermann: „Nächst Käthe Kollwitz wüsste ich keine Begabtere unter den malenden Frauen.“ Doch der Erste Weltkrieg, die folgende Inflation und eine tödliche Erkrankung sorgten für ein frühes Ende ihrer Laufbahn vor 100 Jahren. Dann folgte ein Vergessen dieser Künstlerin. Heute ist sie nur noch Kunsthistorikern ein Begriff, die sie in den kunsthistorischen Lexika berücksichtigten.
Weiß wurde am 25. Mai 1860 in Königsberg geboren. Ihre Mutter war eine Tochter des preußischen Generalmajors Johann Wilhelm Leopold Dewitz von Woyna. Ihr Vater war Karl Philipp Bernhard Weiß, der als evangelischer Theologe und Professor nacheinander an den Universitäten von Königsberg und Kiel wirkte, als Exeget und Erforscher der Textgeschichte des Neuen Testaments einst mit seinen Veröffentlichungen landesweite Bekanntheit erlangte und auch noch im aktuellen „Biographisch-Bibliograpischen Kirchenlexikon“ von 1998 Berücksichtigung findet.
Die Eltern des Mädchens erkannten früh dessen zeichnerische Begabung, förderten es in einer für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Intensität und finanzierten eine erste künstlerische Ausbildung beim Königsberger Künstler Rudolph Mauer. Beim selben Lehrer erhielt auch Käthe Schmidt Zeichenunterricht, die dann unter dem Namen Käthe Kollwitz als Künstlerin berühmt wurde.
Grundausbildung in Königsberg
Die nächste Station auf der künstlerischen Entwicklung von Weiß war Berlin. Sie absolvierte zusammen mit Käthe Schmidt nun die Damenakademie in der Obhut von Karl Stauffer-Bern, der zunächst als Porträtist von sich reden machte, dann mit neuartigen Linienkupferstichen ungewöhnliche plastische Wirkungen erreichte und sich nach 1888 auf dem Erfolgsweg in Rom der Bildhauerei zuwandte. Dieser Künstler hatte einen großen Anteil an der Ausprägung der beiden Künstlerinnen aus Königsberg.
Noch vor dessen Wechsel nach Rom gingen sie nach München. Weiß vervollkommnete sich zunächst weiter beim Historien- und Genremaler Wilhelm Dürr und holte sich dann den letzten Schliff bei Fritz von Uhde, der unter dem Einfluss von Max Liebermann zum Impressionismus gefunden hatte und dann in Anlehnung an Rembrandt die Geschichte Jesu in einem modernen Realismus verewigte. Die Königsbergerin übernahm diese Malweise zwischen Impressionismus und Realismus, teilte sich dabei 1888 ein Atelier mit der polnischen Malerin Olga Boznanska, die später als Postimpressionistin und maßgebliche Repräsentantin der Künstlerströmung „Junges Polen“ bekannt wurde und Auszeichnungen erhielt.
Weiß kehrte nach der Zusammenarbeit mit der Polin in München 1889 nach Berlin zurück, wo sie für das Paul-Gerhardt-Stift Wandbilder zum Thema der Barmherzigkeit schuf, dem „Verein Berliner Künstlerinnen“ beitrat und auf Vereinsausstellungen ihre Arbeiten präsentierte. Bis 1913 zeigte sie auf Ausstellungen über 15 Landschaften, Porträts, Genreszenen und Blumenstillleben, erhielt mehrere überaus positive Kritiken und wurde in Anerkennung ihrer Kunst 1910 in die Berliner Secession als Mitglied aufgenommen. Das kam einem Ritterschlag gleich und war nur wenigen Malerinnen beschieden. Dazu kam das Lob von Max Liebermann, der mit farbensatten Bildern als „hervorragender Bildnismaler“ eine landesweite Berühmtheit erlangte und ab 1920 als Präsident der Preußischen Akademie der Künste fungierte. Parallel glänzte die Königsbergerin auch bei den letzten „Großen Berliner Kunstausstellungen“ vor der kriegsbedingten Unterbrechung. Solchermaßen etablierte sich Weiß in Berlin als Künstlerin und erreichte überregionale Bekanntheit. Sie galt als Hoffnungsträgerin für die Zukunft. Aber dann überschlugen sich die Ereignisse, die ihre Aufwärtsentwicklung ausbremsten.
Nach dem Tod des Vaters verarmte die Familie
Ihr Vater, der zuletzt in Berlin als Oberkonsistorialrat tätig gewesen war, starb noch 1918. Es folgte die Inflation mit der Verarmung der Familie und eine akute Existenzbedrohung mit zusätzlichen Krankheiten. Das gedieh zum Anfang vom Ende. Weiß starb daran vor100 Jahren, am 7. August des Krisenjahres 1923. Sie wurde 63 Jahre alt.
Ein Großteil ihrer Arbeiten ging in den Wirren des Zweiten Weltkrieges verloren. Zu den überlieferten Werken zählen außer den Wandbildern im Berliner Stift auch die Fresken zum Leben der Heiligen Elisabeth in der Marburger Villa von Paul Martin Rade und ein Porträt von Käthe Kollwitz von 1922. Inzwischen gibt es eine Forschungsinitiative der Universität Kiel, die sich um das Wiederauffinden erhaltener Arbeiten und die Präsentation der Kunst von Hedwig Weiß in der Öffentlichkeit bemüht.