Dass wir davongekommen sind, ist wie ein Wunder.“ Dies sagte die aus einer jüdischen Familie in Königsberg stammende und lebenslang vom Sozialismus überzeugte Hedwig Gordon-Walcher (1894–1990) der Autorin dieses Buches, Regina Scheer. Sie und ihr Mann Jacob Walcher (1887–1970) standen stets links. Für ihre Überzeugungen nahmen sie nach 1933 schier übermenschliche Strapazen auf sich – Verfolgung und Internierung, Gefängnis und Todesgefahr.
Die in Ost-Berlin aufgewachsene Scheer hatte über ihre Eltern die Walchers kennengelernt. „Tante Hertha“ wurde ihr zur lebenslangen Vertrauten. In Gesprächen erzählt sie ihr Leben. Herausgekommen ist ein großes Zeugnis des linken Spektrums seit dem Ersten Weltkrieg. Beide Walchers engagierten sich früh in der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Hertha als Sekretärin für Clara Zetkin. Auch mit Lenin kam sie zusammen. Von der KPD spaltete sich die 1931 gegründete Sozialistische Arbeiterpartei Deutschland (SAPD) ab. 1932 wurde Jacob hauptamtliches Mitglied des Parteivorsitzes der SAPD, und ab 1933 leitete er von Paris aus die Exil-SAPD. Sein Vertreter in Norwegen war Herbert Frahm, bekannt als Willy Brandt, der Walcher als väterlichen Freund rühmte. Nach Kriegsausbruch musste das Paar über die Pyrenäen fliehen. Mehrfach inhaftiert, glückte dann doch der Exodus in die USA. 1947 kehrten beide zurück, in Ost-Berlin übernahm Jacob wichtige Ämter in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Bertolt Brecht wurde einer der engsten Freunde, mit Brandt hingegen kam es zum Bruch. Ulbricht verdammte ihn später zur Unperson. Bis ans Lebensende glaubte er wie seine Frau an den Sozialismus. Die knappe Aufzählung kann gar nicht die Fülle beider Lebensläufe wiedergeben. Man liest das Buch „Bittere Brunnen“ gebannt bis zum Schluss und prüft sich dann selbst. Und ja, befremdlich wirkt das schon stur zu nennende Festhalten am sozialistischen Ideal. Die Autorin schüttelt gelegentlich den Kopf: „Jacob ließ sich seinen Traum nicht ausreden.“
Das ist die eine Seite. Viel mehr aber berührt, mit welcher Tapferkeit und mit welcher Opferbereitschaft das Paar Not und Entbehrungen gemeistert hat. „Jede Biographie ist ein Ritt durch das mörderische 20. Jahrhundert“ schreibt die Autorin. Offenbar sah es die Jury der Leipziger Buchmesse genauso; das Buch erhielt im Frühjahr den diesjährigen Sachbuchpreis. Hoch zu rühmen ist ein 100-seitiges Namensverzeichnis mit 170 sehr informativen Biographien.
Regina Scheer: „Bittere Brunnen. Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution“, Penguin Verlag, München 2023, gebunden, 700 Seiten, 30 Euro


