Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen“, spottete der US-amerikanische Schriftsteller Mark Twain schon Ende des 19. Jahrhunderts. Ein hervorragendes neueres Beispiel hierfür lieferte die Wirtschaftswissenschaftlerin und Professorin für Finanzmarktökonomie an der Universität Bonn, Isabel Schnabel, die bis 2019 im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik saß und seit 2020 auch dem Direktorium der Europäischen Zentralbank angehört, mit ihrer Aussage vom September 2021: „Es gibt nicht den geringsten Hinweis darauf, dass die aktuelle Geldpolitik zu permanent höherer Inflation oberhalb von zwei Prozent … führen wird.“
Personen wie der „Wirtschaftsweisen“ Schnabel die Expertenmaske vom Gesicht zu reißen und als Gefährder unserer Währung und unseres Wohlstandes zu entlarven ist eine wesentliche Intention des Buches „Das Inflationsgespenst“ von Thomas Mayer. Der Autor arbeitete unter anderem beim Internationalen Währungsfonds, der Investmentbank Goldman Sachs und als Chefvolkswirt der Deutschen Bank Gruppe, bevor er 2012 die Leitung der Denkfa-brik Flossbach von Storch Research Institute übernahm.
Im Gegensatz zu Schnabel und anderen Führungspersonen der EZB hat Mayer das Wesen der Inflation verstanden und erkannt, zu welchem Unheil eine übermäßige Geldschöpfung führt, wie sie in letzter Zeit vor allem im Zuge der Corona-Krise gang und gäbe war. Davon zeugen die umfangreichen und gut zu lesenden Ausführungen über die Geldgeschichte im Allgemeinen und die Faktoren, aus denen Inflation resultiert, im Besonderen.
Andererseits wirken Mayers Ratschläge, wie der Bürger dem vom Staat angerichteten Währungsschlamassel entfliehen könnte, nicht überzeugend. Das liegt daran, dass seine Prognosen auf wackligen Füßen stehen, sobald sie die Zukunft betreffen. Das Buch erschien im April 2022 und zu diesem Zeitpunkt galt der Erwerb von Kryptowährungen und Immobilien als vermeintlich probates Mittel zur Absicherung gegen inflationäre Entwicklungen. Seither gab es aber eine heftige Krise am Kryptomarkt, die zum gravierenden Verlust an Vertrauen in digitale Währungen führte. Darüber hinaus zeigen die Bemühungen der Bundesregierung und der Europäischen Union, Immobilienbesitzern im Namen des Klimaschutzes ständig höhere finanzielle Lasten aufzubürden, jetzt immer deutlicher, dass auch das sprichwörtliche „Betongold“ sehr viel weniger wertbeständig ist als reale Edelmetalle.
Thomas Mayer: „Das Inflationsgespenst. Eine Weltgeschichte von Geld und Wert“, Ecowin Verlag, Salzburg/München 2022, gebunden, 400 Seiten, 28 Euro


