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Folge 32-23 vom 11. August 2023 / Braunsberg / Ein Denkmal für die Gefallenen von 1870/71 / Am 14. August 1874 wurde im Beisein hoher Militärs auf dem Neustädtischen Markt die Enthüllung gefeiert

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 32-23 vom 11. August 2023

Braunsberg
Ein Denkmal für die Gefallenen von 1870/71
Am 14. August 1874 wurde im Beisein hoher Militärs auf dem Neustädtischen Markt die Enthüllung gefeiert
Bettina Müller

Braunsberg, den 3. März 1871. Mit einer Kundgebung und einer abendlichen Illumination der Stadt feiert die Bevölkerung die Nachricht vom Vorfrieden zwischen Deutschland und Frankreich. Die Freude über die nur wenige Tage zuvor beschlossenen „Friedens-Präliminarien“ ist groß. Die ganze Stadt ist an diesem Tag auf den Beinen. Vor allem, als alle vor dem Rathaus andächtig dem Choral „Nun danket alle Gott“ lauschen, ist die Erleichterung über das bevorstehende Ende des Krieges deutlich zu spüren. Dann beschließt der Zapfenstreich in der Neustädtischen Marktstraße diesen denkwürdigen Tag. 

Über drei Jahre später, am 14. August 1874, wird auf eben diesem Neustädtischen Markt das Denkmal für die im Deutsch-Französischen Krieg Gefallenen des – lange Jahre vor Ort stationierten – 1. Ostpreußischen Jägerbataillons feierlich enthüllt. Finanziert hat man es durch Spenden des Offizierskorps und andere Bataillonsangehörige. Am meisten beigesteuert hat der wohlhabende Braunsberger Bürger Theodor Kuckein. Den 14. August hat man keineswegs zufällig ausgewählt, es ist der Jahrestag der Schlacht von Metz, die etliche Braunsberger Soldaten aus Stadt und Kreis das Leben gekostet hat. Als Standort für das Denkmal hat man einen repräsentativen Platz in der Stadtmitte ausgesucht, der schon länger für militärische und andere Veranstaltungen genutzt wurde. So fanden dort jedes Jahr auch die vom Kriegerverein organisierten Feierlichkeiten anlässlich des Kaisergeburtstages statt, an denen neben dem Offizierskorps auch die Spitzen der Braunsberger Zivilbehörden teilnehmen. 

Am Tag der Einweihung füllt schon um 11.30 Uhr das Heer des Ostpreußischen Jägerbataillons den großen und breiten Neustädtischen Markt. Schaulustige säumen in Massen die Straßen, und Anwohner sind begeistert von ihren privilegierten Logenplätze in den oberen Etagen ihrer Häuser. Einige ganz Wagemutige erklimmen sogar die Dächer, um sich das ganze Spektakel noch besser ansehen zu können. Nach Aufstellung des Bataillons eröffnet Freiherr von Barnekow die Feierlichkeiten und nach dem Gesang eines Chorals hält Prediger Barkowski eine Weiherede. Danach präsentiert das Bataillon das Gewehr, und während die Glocken beider Pfarrkirchen läuten und die feierliche Nationalhymne erklingt, wird das in rein gotischem Stil erbaute Denkmal weihevoll enthüllt. 

Bataillons-Kommandeur Major von Tresckow, dessen Sohn später als Kriminalpolizist in Berlin Karriere machen wird, verkündet dann der jubelnden Menge begeistert, dass „52 brave Jäger und drei Offiziere freudig mit Gott für ihren König“ gestorben seien und das zudem „mit Herzblut“. Kein Herzblut mehr haben jedoch die insgesamt im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 gefallenen 44.781 Soldaten auf deutscher und 138.871 auf französischer Seite, noch weitaus höher ist die Zahl der Verwundeten. Offizielle Verlustlisten sind in Berlin in der Kriegszeit nahezu täglich von der Königlichen Geheimen Oberhofbuchdruckerei veröffentlicht worden.

„Die Wiedergeburt Deutschlands“

Besonders patriotisch gibt sich an diesem Tag auch Bürgermeister Gruihn in seiner Ansprache, die nur wenige Tage später im „Militair-Wochenblatt“ veröffentlicht wird: „Was die Kämpfer von 1866 begonnen, im Jahre 1870 ist es vollendet: Die Wiedergeburt Deutschlands, die Herstellung eines einigen, mächtigen Reiches unter einem deutschen Kaiser, unserm Könige und Herrn!“ 

In seiner eindeutigen Form des gotischen Kathedralenturms soll auch das Braunsberger Denkmal mit den Namen der Gefallenen auf den Seitenflächen in vergoldeter Schrift die ewige und heilige Beständigkeit eines nach dem siegreichen Krieg über Frankreich neu gegründeten Deutschen Reichs symbolisieren, aber auch den Krieg als solchen glorifizieren.

Im Laufe der Zeit veränderte sich die Wirkung des Denkmals. Um 1932, da war aus dem „Vorstädtischen Markt“ bereits der „Neustädtische Markt“ geworden, war es fest in das Stadtbild integriert, es stand im Mittelpunkt und war nicht mehr ein eher einsamer oder bedrohlicher Fremdkörper. Schön gestaltete Blumenbeete in einer kleinen parkartigen Anlage sollten beruhigende Harmonie vermitteln. Gelegentlich, beziehungsweise,  wenn die Finanzierung gesichert war, sorgte der 1878 gegründete Braunsberger Verschönerungsverein dafür, dass das Denkmal einen neuen Anstrich bekam oder eine neue Bepflanzung um das Denkmal herum vorgenommen wurde. Ab und an bezuschusste die Stadt solche Maßnahmen. 

Namen der Gefallenen verewigt

Außer durch die Namen auf Kriegerdenkmälern, Gedenktafeln in Kirchen, aber auch entsprechende Einträge in Kirchenbüchern, Gefallenenlisten et cetera gedachte man in Ostpreußen der gewaltsam Verstorbenen auch in gedruckten Regimentschroniken. Diese Bücher enthielten in der Regel einen ausführlichen Namensteil, so zum Beispiel auch die von Premier-Lieutenant Grieß sehr ausführlich verfasste „Geschichte des 7. Ostpreußischen Infanterie-Regiments Nr. 44 von 1860–1885“, ein Regiment, dem auch sehr viele Soldaten aus dem Braunsberger Kreis angehörten. Sie nannte in der Anlage die Namen der gefallenen Soldaten der Regimenter der Feldzüge 1866 und 1870/71, aber auch die Namen derjenigen, die mit Kriegsauszeichnungen bedacht worden waren oder von den Menschen, die nicht in der Schlacht, sondern an Krankheiten gestorben waren. Weiterhin fand man darin sogar Biographien der Offiziere, Reserveoffiziere, Ärzte und Zahlmeister.

Eine Betrachtung von Kriegerdenkmälern, die es heute im öffentlichen Raum nach wie vor gibt, ist durch die Manipulationsabsicht der damaligen Zeit ambivalent. Die zumeist kaum versteckte Symbolik und die daraus resultierende Botschaft – die Menschen haben sich freudig dem Krieg unterzuordnen und müssen notfalls auch für ihr Vaterland sterben – ist nicht immer einfach zu ertragen. Doch ein Gedenken an eben jene, die ihr Leben ließen, sollte ebenfalls möglich sein. Es darf nicht aus dem öffentlichen Raum verschwinden, das ist man ihnen schuldig, auch wenn das manchen, die das Thema „Preußen“ eher einseitig und misstrauisch beäugen, missfallen dürfte.