Immer, wenn diese Nächte im Sommer kommen, in denen fern im Nordwesten am Himmel die Capella, der große Stern in dem Sternbild des Fuhrmanns, leuchtet, steigt seltsam die Erinnerung an Abende und Nächte auf, die sich einst, in der Heimat, über Rauschen legten, den Ort an der nördlichen Küste des Samlands.
Am Saume des Samlandes gab es keinen zweiten, so ganz und gar in Baumgrün gebetteten Badeort wie Rauschen. Der Blick von „Monte Carlo“, vom Karlsberg, war der nächste auf Rauschen; auf diesem Berge entfaltete sich eine stille und reizvolle Sommerhaus-Siedlung, die ihresgleichen in unserer Heimat kaum hatte. O diese Wirrniss von Pferden zwischen Bäumen und Gesträuch! Man konnte sich verirren, noch ehe man den „Tempel“„ auf einer versteckten Anhöhe in den Katzengründen fand, und man pries sich am Ende glücklich, erreichte man das „Weiße Meer“; denn dann zeigte sich auch schon der Weg, der aus den Katzengründen hinaus südwärts zwischen Feldern, an einer starkstämmigen Birke vorüber, nach Craam und vor sein Gasthaus bei den uralten, gewaltigen Linden führte .
Das alte Fischerdorf Rauschen schien von der Erde verschwunden. Doch es schien das nur eben. Neben der Badeanstalt mit den Zellen und den Stricken um das Badebecken lagen noch immer auch die schwarzgeteerten Boote der Fischer auf dem breiten Strande. Das alte Rauschen war nicht das, das die Ausflügler kannten, die bis zum Dünenbahnhof fuhren, bis zu dem Kopfbahnhof, auf dem die Lokomotive umgekoppelt werden musste. Das alte Rauschen saß um den Teich, um den schönen, umbuchteten Mühlenteich in der Tiefe. Die Räder der Wassermühle schaufelten das Wasser aus dem Mühlenbach. Ein paar Kähne, an Stegen festgebunden, schaukelten stumm über dem blinkenden Teich, auf den die Sonne am Morgen über die Wipfel der alten Linden von Osten her mit ihren hellen Händen griff. Das Hotel Bosien, nicht weit von hier, war das älteste in Rauschen.
Wer schon vom Bahnhof Rauschen-Ort zum Mühlenteich hinunter ging, der stieg gewiss dann doch sogleich zu jenem Rauschen hinauf, das ihm bekannter und vertrauter war, entweder steiler zum „Zauberwalde“ hin oder, gemächlicher und etwas länger, zu „Folchmanns Höh“, auf der im Garten eine Tafel an den Aufenthalt eines preußischen Königs an dieser Stelle erinnerte. Der Blick von dieser Höhe über den Mühlenteich hin, zumal im Lichte des Vormittags oder des einsinkenden Abends, war von besonderer, großer, weitschwingender Schönheit.
Das bekanntere Rauschen, zu beiden Seiten der „Promenade“, bot nichts anderes als auch die anderen Badeorte an dieser Küste: Sommerhäuser, Pensionen. Das Kurhaus in Rauschen – es war schon alt, und Neukuhren und dann Georgswalde stellten es mit ihren neuen Kurhäusern leicht in den Schatten. Aber hier, an der Ecke über dem befestigten Kurvenweg bis zur Strandpromenade hinunter, über dem mit Ginstersträuchern gelb überblühten Hange war der Ort der stillen Schau über das abendliche, bald nächtliche Meer zu jenem Stern hinüber, der so seltsam funkelte.
Bekanntes und Unbekannte
Die geborgeneren Viertel des oberen Rauschen, zwischen dem Teich und dem Kurhaus westlich der Promenade, zwischen dieser und der Kirche, durchwehte mit seiner Würze der Atem der Kiefern. In jenen Abenden aber, die dann langsam zu Nächten wurden, stand man an der Ecke über der dämmernd sich verschattenden Venusschlucht; man sah bisweilen über den Hang mit den Schienen der Drahtseilbahn nach Westen hin zu dem Leichtturm von Brüsterort und in sein Blinken. Man wusste, dort zur Rechten, zur Venusspitze führt ein Weg (der „Alexander-Wyneken-Weg“, wie er später benannt wurde), neben dem sich dann zuletzt schon der Pferderennplatz öffnete – aber es zog dann über die Wellen, über die Weite des Meeres der Stern den Blick des Schauenden zu sich hinüber –, er funkelte hell, heller als alle anderen in seiner Nähe …
Aus: „Das Ostpreußenblatt“ vom 20. August 1955, Seite 8


