Sie galten als Corona-Gewinnler schlechthin. Doch beim Mainzer Unternehmen Biontech ist die Stimmung seit einiger Zeit getrübt. Das zweite Quartal brachte einen Nettoverlust von gut 190 Millionen Euro nach einem Gewinn von 1,67 Milliarden vor Jahresfrist. Der Umsatz brach auf 167,7 Millionen Euro ein von 3,2 Milliarden im Vorjahreszeitraum.
Der Umsatzrückgang könnte sich auf die gesamte deutsche Wirtschaftsleistung auswirken. Laut Unternehmensberatung Barkow dürfte der Pharmahersteller in diesem Jahr rund 5,5 Milliarden Euro Umsatz machen – nur gut ein Drittel des Vorjahreswerts. Unter sonst gleichen Bedingungen würde das einen negativen Effekt auf das Wirtschaftswachstum im Jahr 2023 von 0,33 Prozent bedeuten.
Die Aussichten der Biontech-Manager im Hinblick auf die weitere Corona-Entwicklung haben sich nicht erfüllt. Dabei wurde der mit dem US-Partner Pfizer produzierte Impfstoff zum Kassenschlager. Doch die Zahl der Impfungen tendiert gegen Null. Zwar wird für gewisse Berufs- und Bevölkerungsgruppen eine Auffrischung empfohlen, doch deren Erfolgsaussichten sind höchst ungewiss. Biontech konzentriert sich deshalb seit Anfang des Jahres wieder verstärkt auf die Krebsforschung, in der die Firma ihre Wurzeln hat. Doch auch dort läuft nicht alles nach Plan.
Erst kürzlich stellte der französische Pharmakonzern Sanofi ein mit Biontech entwickeltes Krebsmittel ein. Finanzvorstand Jens Holstein versucht dennoch, Optimismus zu verbreiten. Vergleichsweise weit sei Biontech etwa bei Therapien für Patienten mit Bauspeicheldrüsen- und Lungenkrebs.
„Wir gehen mit einer starken Finanzposition in die zweite Hälfte des Jahres 2023 und sind gut aufgestellt, unseren neuen variantenangepassten Covid-19-Impfstoff auf den Markt zu bringen sowie mehrere klinische Studien mit Zulassungspotential in den Bereichen Onkologie und Infektionserkrankungen durchzuführen“, sagte er. Zudem verwies er im Hinblick auf die Corona-Impfstoffe auf die Jahreszeit. Das Geschäft mit Impfstoff unterliege saisonalen Effekten. Derzeit sei Sommer auf der nördlichen Erdhalbkugel. Zum Herbst und Winter rechnet Biontech dann wieder mit mehr Einnahmen. Doch ob es dazu kommt, ist ungewiss. Bereits die vierte Impfung im vergangenen Jahr verlief unter „ferner liefen“.
Zudem häufen sich Meldungen von Prozessen wegen möglicher Impfschäden. Und wenn weniger Menschen sich impfen lassen wollen, wird der Verteilungskampf härter. „Wir sorgen uns um den fairen Wettbewerb in Deutschland“, sagte Gerald Wiegand, Deutschlandchef von Biontech-Konkurrent Moderna. Das US-Unternehmen dürfte auf dem deutschen Markt bei einer neuen Impfrunde weitgehend leer ausgehen. Denn die Bundesregierung hat nur Lieferverträge mit Biontech abgeschlossen. Kritiker sehen darin eine unzulässige Monopolstellung. Vor allem Gesundheitsminister Karl Lauterbach gilt als vehementer Unterstützer des Mainzer Unternehmens.


