Gerne wird der „Geist von Weimar“ dem „Geist von Potsdam“ gegenübergestellt. „Weimar“, das steht vor allem für das zivile Deutschland, für die deutsche Kultur. Das Herzogtum Sachsen-Weimar war wie die anderen sächsischen Herzogtümer in Thüringen im Gegensatz zu Preußen keine militärische Großmacht, aber sehr wohl eine kulturelle.
Kein deutscher Staat hat es gewagt, sich von „Weimar“ zu distanzieren, aber besonders häufig im Munde geführt wurde es nach den katastrophalen militärischen Niederlagen im Ersten und Zweiten Weltkrieg und als es darum ging, sich von dem im jeweiligen Weltkrieg untergegangenen deutschen Vorgängerstaat als ziviler und weniger militaristisch zu distanzieren. Da unterschied sich die (nota bene) Weimarer Republik nach dem Untergang des preußisch dominierten Kaiserreichs nicht essenziell von den beiden deutschen Teilstaaten nach dem Untergang des Dritten Reiches. Dass nach dem Ersten Weltkrieg die Deutsche Nationalversammlung ausgerechnet im Deutschen Nationaltheater Weimar Zuflucht suchte, ist ebenso wenig ein Zufall, wie dass nach dem Zweiten Weltkrieg das Weimarer das erste deutsche Theater war, das wiederaufgebaut wurde.
Vor 75 Jahren war es so weit. „Durch die vom Faschismus entfesselte Kriegsfurie vernichtet, in schwerer Zeit mit großen Opfern neu erbaut, wurde dieses Haus dem deutschen Volke übergeben, den Weg zu weisen zu wahrem Menschentum. 28. August 1948“, heißt es auf einer zeitgenössischen Gedenktafel am Haus. Wiedereröffnet wurde der Bau mit dem ersten Teil des vielleicht deutschesten aller Schauspiele: Faust I von Wolfgang von Goethe.
Goethe und sein ähnlich bedeutender Landsmann und Kollege Friedrich Schiller stehen nicht ohne Grund als gerne abgelichtetes Denkmal vor dem Hauptportal des Theaterbaus. Auf Geheiß des Landesherren Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach wurde 1791 das Theater im Komödienhaus gegründet und Goethe mit dessen Leitung betraut. Sieben Jahre später wurde das Theater nach einem Umbau mit der Uraufführung von Schillers „Wallensteins Lager“ wieder eröffnet. Es folgte eine fruchtbare Zusammenarbeit der beiden deutschen Geistesgrößen an der Spielstätte, die bis zu Schillers Todesjahr 1805 währte. Zwölf Jahre später zog sich Goethe zurück.
Dass „Weimar“ nicht nur zu Zeiten betonten Antimilitarismus hochgehalten wird, zeigt die Ersetzung des alten Theatergebäudes durch einen teuren Neubau während der Kaiserzeit und dessen feierliche Einweihung in Anwesenheit Kaiser Wilhelms II. Ein Vierteljahr vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Theaterbau von US-Bombern bis auf die Fassade in Schutt und Asche gelegt.


