Der Krieg in der Ukraine hat viele Fronten. Eine davon verläuft quer durch die Kliniken des Landes. Hier kämpfen Mediziner verzweifelt gegen immer mehr Antibiotika-resistente Keime.
Das ganze Ausmaß dieses Ringens haben eine Pressemitteilung der südschwedischen Universität Lund sowie ein Fachartikel von elf schwedischen und ukrainischen Forschern um den Klinischen Bakteriologen Kristian Riesbeck in der Zeitschrift „Lancet Infectious Diseases“ mit dem Titel „Hochgradig multiresistente gramnegative bakterielle Infektionen bei Kriegsopfern in der Ukraine“ verdeutlicht. Darin wird berichtet, wie schwedische Bakteriologen auf Bitten des ukrainischen Mikrobiologen Oleksandr Nazarchuk von der Staatlichen Medizinischen Universität in Winnyzja zwischen Februar und September 2022 Proben von insgesamt 141 Patienten aus drei ukrainischen Kliniken untersuchten und zu welch alarmierenden Ergebnissen sie dabei gelangten.
Die Hälfte der gefundenen Bakterienstämme war resistent gegen das nur im Notfall einzusetzende Reserveantibiotikum Cefiderocol, 58 Prozent gegen das Breitbandantibiotikum Meropenem und 80 Prozent gegen das Kombinationspräparat Ceftazidim-Avibactam. Bei neun Prozent der gefundenen Erreger blieb jedwedes aktuell zur Verfügung stehende Reserveantibiotikum wirkungslos, was auch auf das als „letztes Mittel“ geltende, weil potentiell nierenschädliche Colistin zutraf.
Außerdem versagten bei sechs Prozent der gefundenen Krankenhauskeime sogar die neu entwickelten alternativen Medikamente auf der Basis der Kombination eines Beta-Lactam-Antibiotikums mit einem Beta-Lactamase-Hemmer. Dabei handelte es sich stets um Vertreter der Art Klebsiella pneumoniae. Von denen waren zudem auch ein Viertel gegen Colistin und alle gegen das als besonders wirksam erachtete Doppelpräparat Ceftolozan-Tazobactam resistent.
Forschungsgruppenleiter Riesbeck kommentierte diese Befunde mit drastischen Worten: „Ich bin ziemlich dickhäutig und habe zahlreiche Situationen mit Patienten und Bakterien miterlebt. Allerdings muss ich zugeben, dass ich noch nie zuvor auf derart resistente Bakterien gestoßen bin … Obwohl wir bereits in Indien und China ähnliche Fälle beobachten konnten, ist nichts vergleichbar mit dem in dieser Studie beobachteten Ausmaß an Resistenzen … Das macht mir große Sorgen … Während viele Länder der Ukraine militärische Hilfe und Ressourcen bereitstellen, ist es ebenso wichtig, sie bei der Bewältigung dieser aktuellen Situation zu unterstützen. Denn es besteht die Gefahr einer weiteren Ausbreitung resistenter Bakterien, die den gesamten europäischen Raum bedroht.“
Und mit Letzterem hat Riesbeck ganz zweifellos Recht. Immerhin werden ukrainische Kriegsopfer mittlerweile auch in zahlreichen Kliniken in Deutschland und anderen Ländern unseres Kontinents behandelt. Dazu kommt die Einreise von Millionen Flüchtlingen und Besuchern aus der Ukraine ohne entsprechende medizinische Untersuchungen beziehungsweise Tests. W.K.