04.02.2026

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Folge 34-23 vom 25. August 2023 / Musik I / Die erste Geige der Nation / Sie war Karajans Wunderkind und hat mit nunmehr 60 Jahren alles erreicht, was eine Geigerin erreichen kann: Anne-Sophie Mutter

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-23 vom 25. August 2023

Musik I
Die erste Geige der Nation
Sie war Karajans Wunderkind und hat mit nunmehr 60 Jahren alles erreicht, was eine Geigerin erreichen kann: Anne-Sophie Mutter
Andreas Guballa

Ein Leben ohne Musik ist ein Leben im Irrtum“ – von dieser Geisteshaltung, welche die Violinistin Anne-Sophie Mutter mit Worten wie mit Taten für sich beansprucht, ist ihr ganzes Leben geprägt. Seit nunmehr 46 Jahren konzertiert die Virtuosin weltweit in allen bedeutenden Musikzentren und prägt die Klassikszene als Solistin, Mentorin und Visionärin. In diesem Jahr feierte der deutsche Weltstar seinen 60. Geburtstag.

Nach Erfolgen beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ vom Dirigenten Herbert von Karajan gefördert und 1977, mit 13 Jahren, erstmals von ihm bei den Salzburger Festspielen präsentiert, galt Mutter schon früh als das größte deutsche Klassiktalent überhaupt. Die am 29. Juni 1963 als Tochter eines Badener Zeitungsverlegers geborene Geigerin eroberte sich mit CD-Aufnahmen unter Karajan schnell eine Spitzenposition auf dem internationalen Tonträger- und Konzertmarkt. Ausgeruht hat sich die Künstlerin auf diesem Thron jedoch nie. Immer wieder machte sie sich unter dem Slogan „Mutter modern“ mit großem persönlichen Aufwand für die zeitgenössische Musik stark, regte eigens für sie geschriebene Violinkonzerte an. Von ihrem zweiten Mann, dem Dirigenten und Komponisten André Previn, bekam sie sogar ein Violinkonzert als Verlobungsgeschenk.

Neben Previn komponierten für Anne-Sophie Mutter große Avantgarde-Komponisten wie Wolfgang Rihm, Krzystof Penderecki und Witold Lutosławski. Einige der von ihr uraufgeführten Violinkonzerte sind schon jetzt Repertoirestücke – was ihr den Ernst-von-Siemens-Musikpreis einbrachte, vielleicht die bedeutendste ihrer vielen Auszeichnungen. Ihr Horizont ist weit. Neben der Avantgarde liebt sie die Filmmusik. Auch John Williams komponierte für sie. 2019 erschien das Projekt „Across the Stars“, eine breit gefächerte Auswahl von Williams’ berühmten Filmthemen, die höchstpersönlich vom Komponisten neu für die Violinistin arrangiert und dirigiert wurden. Für den Soundtrack des neuen „Indiana Jones“ hat Mutter sogar ein Stück eingespielt. 

Was Anne-Sophie Mutter von anderen Geigenvirtuosen unterscheidet, ist nicht nur ihre technische Brillanz, sondern auch ihre Fähigkeit, tiefe Emotionen und subtile Nuancen in ihre Interpretationen einzubringen. Ihre Spielweise ist geprägt von einer harmonischen Verbindung von technischer Virtuosität und emotionaler Intensität, welche die Zuhörer in ihren Bann zieht und ihnen eine neue Perspektive auf vertraute Werke ermöglicht.

So titelte die „New York Times“ anlässlich ihres jüngsten Geburtstags: „Manch ein Violinist hat den Klang, die Technik, das Verständnis. Doch nur Frau Mutter hat all das zusammen und obendrein diese ,Verve‘, die alles erfasst, was sie spielt.“ Im Laufe ihrer Karriere hat Mutter zahlreiche Preise und Auszeichnungen für ihre Leistungen erhalten, darunter vier Mal den Grammy Award sowie das Bundesverdienstkreuz I. Klasse und zwei Ehrendoktortitel. Zudem wählte sie der Stiftungsrat der Deutschen Krebshilfe 2021 zur neuen Präsidentin der gemeinnützigen Organisation.

Neben ihrer aktiven Konzerttätigkeit engagiert sich Anne-Sophie Mutter stark für die Förderung musikalischer Talente. Gerade für junge Instrumentalisten, die sie in ihrer Stiftung intensiv fördert, ist Mutter Vorbild und Inspiration zugleich. So startete sie 2011 das Projekt „Mutter’s Virtuosi“: ein Elite-Ensemble aus aktuellen und ehemaligen Stipendiaten. Mit ihnen geht sie regelmäßig auf Tournee und demonstriert damit ihr Engagement für junge Musiker. „Ich sehe meine Musiker als Botschafter des guten Willens. Für die Kreativität des Menschen.“ Private Details gibt Anne-Sophie Mutter sehr ungern preis. Als Tochter eines Verlegers und Schwester eines Journalisten lernte sie schnell, wie man mit Medien umgeht: „Ich habe früh gelernt, das, was geschrieben wird, in realistische Relation zum privaten Leben zu setzen.“ Frühe Begegnungen mit der Boulevardpresse haben sie vorsichtig werden lassen.

Einen persönlichen Einblick in ihr Leben bietet die anlässlich ihres runden Geburtstags erschienene Dokumentation „Vivace“ der Filmemacherin Sigrid Faltin. Um die Stargeigerin kennenzulernen, begab sich Faltin mit Mutter auf über 1000 Höhenmeter zu einer Wanderung am Wilden Kaiser in Österreich.

Faltin wählte den Ansatz, die Künstlerin in ungewöhnliche Gesprächssituationen zu versetzen, um über den Dialog einen Zugang zu ermöglichen. Befragt, wen sie sich als Gesprächspartner wünscht, nannte Mutter spontan: den Tennisstar Roger Federer, den New Yorker Magier Steve Cohen, ihre Musikerfreunde Daniel Barenboim, den Filmkomponisten John Williams, Jörg Widmann und ihren langjährigen Pianisten Lambert Orkis, „musikalisch my best buddy“. 

Und nun eine Reise nach Afrika

Im Austausch mit diesen Wegbegleitern erzählt sie, warum sie sich mit Hochleistungssportlern identifiziert, wie sie zu ihren Konzert-Roben gekommen ist, und warum sie bedauert, mit dem Klavierspielen aufgehört zu haben. Sie spricht ausführlich über ihr Leben als alleinerziehende Musikerin und zweifache Witwe – ihr erster Mann Detlef Wunderlich starb 1995 im Alter von 60 Jahren an Lungenkrebs, ihr zweiter Mann, mit dem sie bis 2006 verheiratet war, ist vor vier Jahren verstorben. Ergänzt durch Archivmaterial aus fünf Jahrzehnten ist so ein ungewöhnlicher Film entstanden, der Anne-Sophie Mutter nicht nur als eine der größten Musikerinnen unserer Zeit, sondern auch als sportliche, politisch und sozial engagierte Frau zeigt. Die Dokumentation läuft in ausgewählten Kinos und ist aktuell noch in der ARD-Mediathek zu sehen.

Über ihren Abschied hat Anne-Sophie Mutter schon vor vielen Jahren öffentlich nachgedacht. Die Reaktionen waren ziemlich überzogen. „Ich wünschte, ich hätte nie eine Andeutung in diese Richtung gemacht. Sicher werde ich nicht bis zum letzten Atemzug auftreten, sondern werde einfach eines Tages aufhören. Abschiedstourneen finde ich überflüssig.“ Zu ihrem 60. Geburtstag erfüllte sich Anne-Sophie Mutter übrigens einen Kindheitstraum: eine Reise nach Afrika.