Wie es sich für Rockstars gehört, starb auch er zu früh“, schreibt die Autorin Ronja von Rönne in ihrem Nachwort zu dem Buch „Man hängt halt so an dem, was man hat“, das die Briefe des Schriftstellers Jörg Fauser an seine Eltern enthält. Was wollte der „deutsche Charles Bukowski“ in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag auf der Autobahn A94 bei München, als er volltrunken von einem Lastkraftwagen überrollt wurde? War es Selbstmord? Dies deuten Matthias Penzel und Ambros Waibel in ihrer Fauser-Biographie „Rebell im Cola-Hinterland“ an, in dem sie einen Satz aus der Feder von Gottfried Benn zitieren: „Die meisten Selbstmorde sind Spontanhandlungen, oft unter Alkoholeinwirkung, selten vorher bedacht.“ Fauser, am 16. Juli 1944 im Taunus geboren, war bekannt für seine regelmäßigen Zechgelage mit einer Vorliebe für Bier und Apfelwein.
Legenden um den frühen Tod
Wer früh und unter ungeklärten Umständen stirbt, um dessen Tod ranken sich Legenden. Bleiben wir bei den Fakten. Der Ex-Junkie konnte schreiben wie kaum ein anderer deutscher Autor – zupackend, witzig, schnell, mit einem illusionslosen Blick auf die Wirklichkeit, geschult an amerikanischen Größen wie William S. Burroughs, Charles Bukowski, Raymond Chandler und Dashiell Hammett.
Bücher wie „Marlon Brando – der versilberte Rebell“, „Der Schneemann“ (verfilmt mit Marius Müller-Westernhagen), „Rohstoff“ oder „Das Schlangenmaul“ werden bleiben. Seine Werke sind allesamt im Berliner Alexander Verlag und bei Diogenes erhältlich. Anders als die „sozialliberalen Kleinbürger“ (Martin Compart) unter den deutschen Autoren, die Fauser verachtete, kannte er das Leben. Nach seinem Abitur folgten verschiedene Auslandsaufenthalte (er lebte 1967/68 ein Jahr im Istanbuler Drogenviertel Tophane) und Tätigkeiten als Angestellter und Arbeiter (wie sein Vorbild Bukowski, der zum Beispiel bei der Post jobbte).
Fauser war nicht nur Buchautor, sondern auch Journalist. Er schrieb für Männermagazine wie „Lui“, interviewte Bukowski für den „Playboy“, schrieb für linksalternative Stadtteilzeitschriften und Hochglanzmagazine wie „Transatlantik“.
Im Jahr 1986 lieferte er diese kurze Selbstbeschreibung: „Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique; verheiratet, aber sonst unabhängig.“ Fauser, der einen „amerikanischen“ Ton in die deutsche Literatur brachte, passte nicht ins hiesige Kulturestablishment, nach den Worten seines Freundes Compart eine „Vollidiotenbranche voller Gestalten, die mit einer Halbautomatik russisches Roulette spielen würden“.
In dem vorliegenden Band lernen wir den „harten Hund“, der mit dem Schriftstellerkollegen Wolf Wondratschek ab 1979 in einem kleinen Boxkeller in München-Schwabing trainierte, von einer anderen, sensiblen, zugewandten Seite kennen. Fauser schreibt hier als liebevoller, oft von Geldnöten geplagter Sohn an seine Eltern, den Bildenden Künstler Arthur Fauser und die Schauspielerin Maria Razum. Die Antwortbriefe und -karten der Eltern sind leider nicht erhalten. „Lieber Papi“ beginnt der erste abgedruckte Brief am 23. Mai 1958. „Liebe Mammi“, so die Anrede des letzten Schreibens vom 5. Juli 1987. Zwölf Tage später wurde Fauser von dem Lkw erfasst.
Fausers sensible Seite
In seinem Vorwort schreibt der Herausgeber Peter Graf, im Elternhaus Fausers habe „es viel Geist und wenig Geld“ gegeben. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die Postkarten und Briefe Fausers. Man merkt, dass ihm der schriftliche Kontakt wichtig ist. Der aufstrebende Autor berichtet von seinen persönlichen Lebensumständen, seine Affinität zu Alkohol und Drogen, aber vor allem auch immer und sehr ernsthaft über seine vielfältigen literarischen und journalistischen Arbeiten.
Fauser hat verschiedene politische Wendungen durchlaufen. Er sympathisierte mit der terroristischen Rote Armee Fraktion und mit den Black Panthers, er bekam den Frankfurter Häuserkampf Anfang der 70er Jahre direkt mit, doch eigentlich mied er die politische Praxis. In der Nachrüstungsdebatte stand er auf Seiten der Regierung Schmidt gegen die Friedensbewegung.
In seinem autobiographischen Roman „Rohstoff“ beschreibt Fauser den Drogenrausch am Bosporus, als Anarchist in den Kommunen von Berlin und als Hausbesetzer in seiner Heimat Frankfurt am Main. Dies mag auf den ersten Blick nicht unbedingt der Stoff sein, der Konservative in Ekstase versetzt. Großen Spaß macht aber, wie der Nonkonformist Fauser gegen alles Spießige, Bornierte und Verengte der deutschen Linken anschreibt. Dieser Ton findet sich auch in seinen Briefen.
Rührend, wie Fauser immer wieder die besorgten Eltern beruhigen will: „Ihr braucht Euch nicht zu sorgen: ich lebe sehr arm, aber sauber, gesundend, mich entfaltend, manchmal glücklich.“ Was hätte Fauser noch alles schreiben können, wenn er nicht mit Anfang 40 aus dem Leben gerissen worden wäre? Dieses Wissen um den frühen Tod – vor dem Tod der Eltern – macht dieses Buch auch so traurig.
Jörg Fauser: „Man hängt halt so an dem, was man hat. Briefe an die Eltern“, Diogenes Verlag, Zürich 2023, gebunden, 463 Seiten, 25 Euro


