Die Höhe der personellen Verluste der ukrainischen Streitkräfte ist ein gut gehütetes Staatsgeheimnis. Ungeachtet dessen ging der US-amerikanische Golfkriegsveteran und Militärfachmann Douglas Macgregor im Juni bereits von 150.000 getöteten Soldaten Kiews aus, während der ehemalige Inspektor der UNSCOM-Mission im Irak, Scott Ritter, den Blutzoll der Ukraine zur gleichen Zeit sogar auf 400.000 Mann bezifferte.
Auch wenn diese Angaben nicht zu verifizieren und möglicherweise übertrieben sind, steht die Ukraine vor dem Problem, ausreichend neue Rekruten zu mobilisieren, weil im Lande inzwischen Kriegsmüdigkeit herrscht. Einer repräsentativen Umfrage des ukrainischen Meinungsforschungsinstitutes Meta vom 5. Juli zufolge lag die Zahl der Wehrfähigen, die angaben, sich bei einem russischen Vormarsch auf ihre Heimatstadt freiwillig den Streitkräften anzuschließen, nur noch bei durchschnittlich 25 Prozent. Symptomatisch ist des Weiteren eine Petition an Präsident Wolodymyr Selenskyj, auf die geplanten Verschärfungen der gesetzlichen Sanktionen wegen Fahnenflucht und ähnlicher Delikte zu verzichten.
Doch Kiew muss unbedingt zusätzliche Männer an die Front schicken – nicht zuletzt, um weiter Militärhilfe vom Westen zu erhalten. Deshalb greift die ukrainische Regierung jetzt zu einer Reihe von Maßnahmen, die innenpolitisch sehr umstritten sind. So wird die zulässige Altersspanne für Wehrdienstleistende von 18 bis 60 Jahren nunmehr voll ausgeschöpft. Gleichzeitig mehren sich Berichte über Razzien, in deren Rahmen systematisch Angehörige nationaler Minderheiten wie Ungarn und Russen aufgegriffen und zum Militärdienst gezwungen werden.
Überdies schickt die Ukraine offenbar auch freigetauschte Kriegsgefangene sofort wieder an die Front, was aus kriegsrechtlicher Sicht problematisch ist. Gerüchten zufolge haben manche ukrainische Mütter deswegen bei russischen Stellen interveniert, ihre Söhne in der Gefangenschaft zu belassen. Außerdem gibt es Hinweise auf den Einsatz von Sperreinheiten, welche hinter der Front agieren und Desertionen verhindern sollen.
Nur noch 25 Millionen Einwohner
Aber damit nicht genug: Weil die Daten der Einberufungsbüros unvollständig oder fehlerhaft sind, wurden alle wehrfähigen Männer aufgefordert, in den Territorialen Zentren für Anwerbung und soziale Unterstützung vorzusprechen, um die dortigen Karteien „mit entscheidenden Informationen zu ergänzen“. Parallel hierzu liefen psychologische Kampagnen an, welche auf die Überwindung der Furcht vor einer Einberufung abzielen. Und dann soll durch die Ablösung aller Regionalleiter der Militärkommissionen auch das System der Korruption gesprengt werden, das es Wehrpflichtigen bislang ermöglichte, sich für rund 5000 US-Dollar „Dienstuntauglichkeit“ bescheinigen zu lassen.
Die Frage ist, ob diese Maßnahmen ausreichen werden, denn die Bevölkerung im Machtbereich der Regierung in Kiew ist seit 1991 durch sinkende Geburtenraten, Auswanderung und Gebietsverluste von 51,5 Millionen auf rund 25 Millionen zurückgegangen, was zur Halbierung des Rekrutenreservoirs führte. W.K.


