24.03.2026

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Folge 36-23 vom 08. September 2023 / Kommentar / Das zynische Spiel mit der Geschichte

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-23 vom 08. September 2023

Kommentar
Das zynische Spiel mit der Geschichte
René Nehring

Glaubt jemand im Ernst, dass es den Anklägern Hubert Aiwangers wirklich um das Andenken an die Opfer des „Dritten Reichs“ geht? Wohl kaum. Zu offensichtlich ist hier, dass die „Süddeutsche Zeitung“ und die Empörung vorgebenden Politiker vor der Landtagswahl in Bayern vor allem im Sinn hatten, den Chef der Freien Wähler und stellvertretenden Ministerpräsidenten auszuschalten und der CSU zugleich einen neuen Koalitionspartner aufzuzwingen (siehe hierzu auch die Seite 3 dieser Nummer). 

Neu ist die Instrumentalisierung von Geschichte nicht: Schon in der Antike und im Mittelalter wussten Herrscher sich im Glanz heldenhafter Vorfahren zu sonnen. Als dann im 19. Jahrhundert Religion und Philosophie an Bedeutung verloren, wurde die Geschichte zur großen Sinnstifterin der Gegenwart. Dies gilt vor allem für Deutschland, das in jener Zeit nach Jahrhunderten der Zersplitterung zusammengeführt wurde und zugleich eine industrielle Revolution erlebte, die die gewohnten Lebensverhältnisse von Grund auf umkrempelte. 

Jede Zeit hat ihre Erzählungen

Nicht ohne Grund ging seitdem jeder politische Wandel im Land der Dichter und Denker mit einer Neudeutung der Geschichte einher. Nach der Reichsgründung 1871 etwa behaupteten die Großmeister der „borussianischen Geschichtsschreibung“, dass die Hohenzollern jahrhundertelang nichts anderes im Sinn gehabt hätten, als die zersplitterten Deutschen zusammenzuführen. Jahrzehnte später stellten die Nationalsozialisten mit Institutionen wie der „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e. V.“ und dem „Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands“ die Geschichtsschreibung in den Dienst ihrer Ideologie. Und nach 1945 mussten die „Lehren aus der Geschichte“ dafür herhalten, um die Teilung des Vaterlands zu legitimieren. In der DDR hatte die Geschichtswissenschaft zudem die Begründung für den Herrschaftsanspruch der kommunistischen Staatspartei zu liefern. 

Nicht vergessen werden darf, dass die historische Aufräumarbeit immer auch den Weg freimachte für die Karrieren nachwachsender Jahrgänge. So kam die sogenannte Flakhelfer-Generation schon früh in Führungspositionen, die ihnen andernfalls erst sehr viel später zugefallen wären. Besonders gründlich trieben dieses Spiel die „68er“, denen es – wie 2008 Götz Aly in seinem Buch „Unser Kampf“ nachwies – auf ihrem „Marsch durch die Institutionen“ mitnichten um die Aufarbeitung des „Dritten Reiches“ ging, sondern vielmehr um das Verdrängen bürgerlicher Eliten.

Ginge es heute den Anklägern Hubert Aiwangers wirklich um das Gedenken an die finsteren Jahre des „Dritten Reichs“, würden sie sich nicht nur jede Instrumentalisierung der Opfer des NS-Regimes für tagespolitische Zwecke verbitten, sondern gelegentlich auch um die anderen Opfer jener Zeit trauern. Sie würden zum Beispiel ebenso an die Verhungerten und Erfrorenen von Flucht und Vertreibung aus dem deutschen Osten erinnern oder an die Verschütteten und Verbrannten in den Luftschutzkellern nach den alliierten Bombenangriffen. Oder sie würden jener Landsleute gedenken, die an der innerdeutschen Grenze und bei der Niederschlagung des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 erschossen wurden. Doch da diese Opfer nicht in die üblichen „Narrative“ passen, werden sie geflissentlich beschwiegen. Ein zynisches Spiel, bei dem es um alles Mögliche geht, nur nicht um die Opfer. 

Wie es anders gehen kann, zeigte 2005 der deutsch-jüdische Schriftsteller Ralph Giordano in seinem Vorwort zu einem Bildband über das Kriegsende in Deutschland: „Ich habe mich fast ein ganzes Leben lang beschäftigt mit dem Leid, das Deutsche über andere gebracht haben – dennoch will ich das Recht haben, auch über deutsches Leid erschüttert zu sein.“  

Von dieser Größe sind die selbst ernannten Kämpfer für den historischen Anstand unserer Tage weit entfernt. Mangels Wissens und mangels eigenen Anstands reicht es bei ihnen nicht einmal mehr für eine ordentliche Sinnstiftung – sondern nur noch zum Schmeißen schmutziger Stinkbomben auf einen politischen Gegner. 

Die Opfer unserer Geschichte haben etwas Besseres verdient.