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Folge 36-23 vom 08. September 2023 / Literatur / Der Deutschen Rückzug ins Private / Der Germanist Günter Scholdt betrachtet systemkritische belletristische Werke der Zeit des Nationalsozialismus und stellt Vergleiche an

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-23 vom 08. September 2023

Literatur
Der Deutschen Rückzug ins Private
Der Germanist Günter Scholdt betrachtet systemkritische belletristische Werke der Zeit des Nationalsozialismus und stellt Vergleiche an
Wolfgang Kaufmann

Immer, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse unerträglich werden, flüchten sich die Deutschen ins Private beziehungsweise in die Innere Emigration. So während der Restauration nach den Napoleonischen Kriegen, im Dritten Reich, zur Zeit des „real-existierenden Sozialismus“ in der DDR sowie ab 2015 auch in der Bundesrepublik. Typisch für diese Phasen war und ist die Entstehung spezifischer Kunstformen. Eine davon behandelt das Buch „Schlaglichter auf die ‚Innere Emigration‘“ von Günter Scholdt. Darin analysiert der Germanist und Literaturhistoriker die nichtnationalsozialistische Belletristik in Deutschland während der Jahre von 1933 bis 1945, für die Autoren wie Erich Kästner, Hans Fallada und Ricarda Huch standen.

Laut Scholdt wurden trotz der prekären Bedingungen der Inneren Emigration Meisterwerke voller Lebendigkeit und Vielfalt geschaffen. Allerdings seien diese Kulturleistungen nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes weitgehend in Vergessenheit geraten, was die Frage aufwerfe, ob es sich hier schon „um eine gezielte kulturhygienische Entsorgung“ und somit eine Frühform von „Cancel Culture“ gehandelte habe. Auf jeden Fall verwendet Scholdt viel Mühe darauf, die Bandbreite des Schaffens der Vertreter der Inneren Emigration und der kulturellen Verluste seit 1933 beziehungsweise 1945 sowie den „heute weithin unterschätzten widerständigen Mut“ der Autoren zu würdigen.

Dabei wählte er folgende konkrete Vorgehensweise: Einer Präsentation der Schlüsselwerke der Inneren Emigration auf den Gebieten der subversiven Epik, historischen Erzählung, Dramatik und Lyrik sowie der Essays und Tagebücher folgen Ausführungen über das Hervorbringen humoristischer Texte unter der Fuchtel der nationalsozialistischen Diktatur, deren Bandbreite vom heiter leichten Trost über den schwarzen Humor bis hin zur bitterbösen Groteske reichte. Danach geht es um Stile, Trends und Genres, die vor dem Hintergrund des permanent drohenden Vorwurfs, „entartete Kunst“ zu produzieren, entwickelt wurden.

Das Buch endet mit dem Abdruck eines trotzigen Briefes von August Scholtis an die Herausgeber zweier regimetreuer Literaturzeitschriften, deren Rezensenten dem Autor mangelndes „Blut- und Rassebewusstsein“ attestierten. Darin hieß es unter anderem: „Die Nation wird ein stilles Lächeln haben für diese skandalösen Zustände“, und die Kritiker mögen sich doch bitte ihre „Finger in den Arsch stecken“. 

Günter Scholdt: „Schlaglichter auf die ,Innere Emigration‘. Nichtnationalsozialistische Belletristik in Deutschland 1933–1945“, Lepanto Verlag, Rückersdorf 2022, broschiert, 474 Seiten, 29,50 Euro