Jan Vogeler hatte berühmte Eltern, wurde in Moskau geboren, fungierte als Übersetzer von Josef Stalin und arbeitete an der Front mit Markus Wolf als Dolmetscher. Er studierte nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Ehefrau von Michail Gorbatschow, Raissa Gorbatschowa geborene Titarenko, Philosophie, machte in Moskau eine Universitätskarriere und entdeckte im Alter für sich die einstige Wirkungsstätte seines Vaters, Worpswede in Nordwestdeutschland, als Refugium. Der Künstlersohn und Philosoph war zuletzt ein gefragter Gesprächspartner. Wenn er im Alter aus seinem turbulenten Leben erzählte, war das für die Zuhörer erlebte Geschichte mit vielen Möglichkeiten, Zwängen, Erfahrungen und Irrtümern.
Vogeler wurde vor 100 Jahren, am 9. Oktober 1923, unehelich im Moskauer Kreml geboren. Sein Vater war der deutsche Maler, Graphiker, Architekt, Designer, Pädagoge, Schriftsteller und Sozialist Heinrich Vogeler, ein linker Hauptrepräsentant der Worpsweder Malerkolonie, der sich von den Neuerungen im Osten mit eigenen Augen überzeugen wollte und deshalb unter schwierigen Umständen nach Moskau gereist war. Seine Mutter war die polnische Schriftstellerin, Übersetzerin, Journalistin und Aktivistin der Arbeiterbewegung Sonja Marchlewska, die Tochter des kommunistischen polnischen Arbeiterführers und Lenin-Vertrauten Julian Marchlewski. Das sorgte für die Aufnahme im Kreml.
1924 wechselten die Eltern mit dem Jungen nach Berlin. Dort erreichte der Vater die Scheidung von seiner ersten Ehefrau, Martha Vogeler geborene Schröder, und heiratete 1926 Jan Voglers Mutter. Die Familie bezog 1927 eine Wohnung in der neuen, von dem Vertreter des Neuen Bauens Bruno Taut erbauten Hufeisensiedlung in Berlin-Britz. Jan besuchte die Volksschule, wurde deutsch erzogen und erlebte die wachsenden Spannungen Ende der Weimarer Republik hautnah.
Seine Eltern waren im sozialistischen Lager politisch aktiv. Noch vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1931 zogen sie zurück nach Moskau.
Während der Vater 1932 die Leitung der Propagandaabteilung in Taschkent übernahm, zogen Mutter und Sohn zur Großmutter mütterlicherseits in einem Funktionärskomplex am Moskauer Kreml. Der Junge besuchte erst die Karl-Liebknecht-Schule und anschließend eine russischsprachige Oberschule, wurde sowjetischer Staatsbürger und Mitglied der KPdSU. Er dolmetschte für Stalin, wurde nach dem Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges in die Rote Armee eingezogen, die ihn als Dolmetscher einsetzte und gründete mit anderen 1943 das Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD), dessen Frontbevollmächtigte er betreute. Dabei kam es zur Zusammenarbeit mit dem jungen Markus Wolf, dem späteren Chef der Hauptverwaltung Aufklärung, des Auslandsnachrichtendienstes des Ministeriums für Staatssicherheit. 1942 starb sein Vater nach dessen Verschleppung in einem sowjetischen Lager in Kasachstan.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs holte Vogeler sein Abitur nach und studierte anschließend an der Lomonossow-Universität in Moskau Philosophie und Geschichte der Philosophie. Seine Promotionsschrift von 1952 beschäftigte sich mit Martin Heideggers „Sein und Zeit“. Es folgte die Habilitation mit einer Arbeit über Herbert Marcuse und die Frankfurter Schule. Er bekam eine Professur für deutsche und marxistische Philosophie an seiner Alma Mater und hatte Gastprofessuren in Wien und Leipzig.
Zwischendurch dolmetschte Vogeler für die Kremlelite auf Reisen in deutschsprachige Länder. Die berühmte Chruschtschow-Rede auf dem XX. Parteitag der KPdSU übersetzte er simultan. Vor und während der friedlichen Revolution im sowjetischen Machtbereich begann dann allerdings auch bei ihm ein politisches Umdenken.
Nach seiner Emeritierung 1990 hielt er in vielen Ländern Gastvorlesungen. Nach dem Ende der Sowjetunion, deren Staatsbürgerschaft er 1937 angenommen hatte, erreichte Vogeler über die deutsche Botschaft in Moskau die Wiederverleihung der deutschen Staatsangehörigkeit. In München übernahm er einen Lehrstuhl. Vogeler galt als Sensation an der Universität. Seine große Sachkenntnis, Erlebnistiefe und Ehrlichkeit machten einen tiefen Eindruck auf die Studenten.
Nach einem Intermezzo am Starnberger See lebte Vogeler ab 2001 in Worpswede, wo ihn die Nachkommen seines Vaters aus der ersten Ehe mit Martha Vogeler wie ein Familienmitglied begrüßten. Seine Ehefrau Sonja und deren einziges Kind, die noch vor ihrem Vater im Jahre 2004 verstorbene Tochter Natascha, blieben in Moskau.
Vogeler wandelte fortan auf den Worpsweder Spuren seines Vaters, war auf Ausstellungen Stargast und bedauerte sein eigenes malerisches Unvermögen. Zuletzt lebte er in einer kleinen Worpsweder Zweizimmerwohnung, wo er am 23. Januar 2005 starb.M.S.