Auch nach seinem Tod hält der frühere italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi die Zügel scheinbar postum fest in der Hand. Seine fünf Kinder verzichteten auf eine Erbauseinandersetzung und akzeptierten, dass die letzte Lebensgefährtin des im Juni verstorbenen Milliardärs satte 100 Millionen Euro erhielt.
Damit dürfte die 33-jährige Marta Fascina verschmerzen, dass die Erben sie hochkant aus der Villa des „Cavaliere“ warfen. Und es dürfte sie darüber hinwegtrösten, dass ihr politischer Aufstieg beendet sein dürfte, den ihr Berlusconi noch geebnet hatte. Denn neben dem finanziellen gibt es auch noch ein politisches Erbe zu verwalten. An der Spitze von Berlusconis Firmengeflecht Fininvest stehen künftig die ältesten Kinder Marina und Pier Luigi. Diese müssen auch entscheiden, was mit den 100 Millionen Euro Schulden geschieht, welche die von Berlusconi Anfang der 1990er Jahre gegründete liberalkonservative Partei Forza Italia (FI) bei den Firmen hat. Auf ein politisches Engagement nach Vorbild des Vaters haben dessen Kinder keine Lust.
Aber die Partei einfach so abwickeln wollten sie auch nicht. Gemeinsam mit Berlusconis Gefolgsmann und Nachfolger Antonio Tajani und – man höre und staune – der amtierenden Regierungschefin Giorgia Meloni von der Rechtsaußen-Partei Brüder Italiens habe man entschieden, die Parteigeschäfte zumindest bis zur kommenden Europawahl weiterlaufen zu lassen. Das hat gute Gründe. Berlusconis Ziel war es immer, die italienische Rechte – auch Italiens postfaschistischen Nostalgiker – zu einen und auf einen pro-europäischen Kurs zu trimmen.
Der neue FI-Chef Tajani, Außenminister in Melonis Kabinett, ist dafür prädestiniert. Der frühere EU-Kommissar gehört mit seiner Partei der christdemokratischen Fraktion EVP (Europäische Volkspartei) im EU-Parlament an. Meloni und ihre Partei sind in der konservativen Fraktion EKR (Europäische Konservative und Reformer) organisiert.
Inkompatibel mit Le Pen und AfD
Melonis Amtsantritt vor rund einem Jahr war auf europäischer Bühne mit großer Skepsis begegnet worden. Durch geschickte Lobby-Arbeit hat sich dies geändert. Der EVP-Fraktionsvorsitzende Manfred Weber (CSU) soll mittlerweile beste Kontakte zur rechtskonservativen Politikerin haben – eingefädelt von Tajani. Und auch die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zeigte sich in den vergangenen Wochen auffallend oft mit Meloni. Gemeinsam besuchten sie vergangene Woche die von Mittelmeer-Immigranten überfüllte Insel Lampedusa.
Die Italienerin möchte dieses Rechtsaußen-Image loswerden und dieses ihrem zweiten Koalitionspartner Matteo Salvini und seiner Lega überlassen. Dessen Partei gehört der rechten Fraktion ID (Identität und Demokratie) im EU-Parlament an, zu der auch Marine Le Pens französisches Rassemblement National, die AfD sowie Österreichs FPÖ gehören.
„Die EVP ist mit dem RN und der deutschen AfD absolut inkompatibel“, sagte Tajani zu Wunschvorstellungen Salvinis einer Dreierkoalition in Straßburg. Für die Zukunft seiner Forza Italia wird das Abschneiden bei der Europawahl entscheidend sein. Schafft sie ein zweistelliges Ergebnis und kann sie sich damit als Vertreterin der italienischen Christdemokratie in Brüssel und Straßburg präsentieren, könnten Meloni und Berlusconis politischer Erbe das Spiel noch ein Weilchen weiterspielen.