Während und nach der Kaiserzeit galt Luise Elisabeth von Strauß und Torney als höchst erfolgreiche Schriftstellerin. Die aus einem alten niedersächsischen, später geadelten Geschlecht stammende Autorin entnahm ihre Stoffe mehrheitlich der Geschichte, aus Sagen und Anekdoten und berücksichtigte schon früh auch überaus couragiert sozialkritische Aspekte. Zur Prosa gesellten sich Gedichte, Balladen, kulturhistorische Werke und auch Übersetzungen. Sie gilt bis heute als bedeutende bürgerliche Balladendichterin des 20. Jahrhunderts, deren literarische Hinterlassenschaft von der Literaturwissenschaft vielgestaltig erschlossen wurde.
Luise von Strauß und Torney wurde am 20. September 1873 in Bückeburg geboren. Ihr Geburtsort liegt am Rande der Norddeutschen Tiefebene nördlich des Weserberglandes, wurde nach sehr früher Besiedlung der Region von den Schaumburger Grafen beherrscht, die Bückeburg 1607 zur Residenz erhoben, 1609 das Stadtrecht verliehen und neben der architektonischen Prachtentfaltung die Stadt zum Anziehungspunkt der Aufklärung machten. Die Palette der Persönlichkeiten, die hier wirkten, reichte vom Philosophen Thomas Abbt über Voltaire und dem Dichter Johann Gottfried Herder bis zum Komponisten Johann Christoph Friedrich Bach.
Das Haus von Schaumburg-Lippe erhielt Anfang des 19. Jahrhunderts den Fürstentitel und sorgte in den Folgejahrzehnten auch für einen wirtschaftlichen Aufschwung. Hier erlangte Luises Großvater Viktor Friedrich als Übersetzer, Schriftsteller, Wissenschaftler und Politiker im Ministerrang große Bekanntheit im deutschsprachigen Raum.
Ehe mit dem Verleger Diederichs
Ihr Vater ist als königlich preußischer Generalmajor und fürstlicher Kammerherr überliefert. Ihre Mutter war eine aus Varel bei Wilhelmshaven stammende Gutsbesitzertochter. Das Mädchen wurde von der Familie und Freunden lebenslang nur Lulu gerufen, konnte sich nach dem Besuch einer höheren Mädchenschule weiteres Bildungsgut aneignen und sich auf Reisen durch ganz Europa geistig vervollkommnen, ehe sie erste eigene Balladen schuf. Eine besondere Beziehung entwickelte die Bückeburgerin zur Kunst und Literatur, hatte Verbindungen zum Göttinger Dichterkreis um Börries von Münchhausen und pflegte eine Brieffreundschaft mit dem rund zehn Jahre jüngeren Theodor Heuss, dem späteren Bundespräsidenten.
Wichtige literarische Impulse nahm sie auch durch den Kontakt zu der Königsberger Dichterin Agnes Miegel auf, die als freischaffende Schriftstellerin ein Vorbild für Lulus späteren Werdegang wurde.
Erstes Aufsehen erregte Lulu mit ihren im „Göttinger Musenalmanach“ veröffentlichten „Balladen und Liedern“ sowie 1901 mit ihrer ersten Novelle „Bauernstolz“. Mit „Der Hof am Brink“ verarbeitete sie 1906 überaus sozialkritisch die Notzeit während Dreißigjährigen Krieges. Ihr Roman „Judas“ von 1911, in dessen Verlauf ein Bauernhof durch Trunksucht und Streit dem Untergang geweiht schien, gilt als vorbildliche Umsetzung des Erbhofgedankens. 1937 wurde das Werk unter dem Titel „Der Judashof. Ein niederdeutscher Erbhofroman“ neu aufgelegt.
Doch dann sollte sie die Bekanntschaft des Verlegers Eugen Diederich machen, der sie nicht nur aus beruflichen Gründen förderte. Nachdem sie ab 1912 erste Literaturpreise erhielt, ging sie 1916 eine zu vielen Zukunftshoffnungen berechtigende Ehe mit dem Verleger ein, dessen Unternehmen sich nach Überführung von Leipzig nach Jena zum einem der bedeutendsten deutschen Editionshäuser impressionistischer und neuromantischer Literatur entwickeln sollte.
Biographin ihres Großvaters
Parallel zur rein dichterischen Produktion in der Fortsetzung der deutschen Balladentradition mit einer neuromantischen Sehnsucht nach einem harmonischen Leben mit der Natur und herber Kritik an der sie umgebenden industriellen Umwelt gestaltete sie Romane wie „Der jüngste Tag“ (1922), der die Zeit des Wiedertäufertums in Münster spiegelt. Die Autorin verarbeitete nun auch verstärkt religiöse Themen, Sagen und Märchenstoffe und erhielt 1921 den „Ebner-Eschenbach-Preis“. Das Ehepaar Diederichs ergänzte sich vielgestaltig und spielte im Geistesleben der Weimarer Repu-blik eine führende Rolle.
Das Jahr 1930 wurde für Lulu allerdings zu einer Zäsur. Diederichs starb. Seine Witwe verlegte sich nun verstärkt auf Übersetzungen und kulturhistorische Arbeiten wie die „Chronik niederdeutscher Städte“ sowie „Vom Biedermeier zur Bismarckzeit. Aus dem Leben eines Neunzigjährigen“ (1932), die sich dem Leben ihres Großvaters Viktor von Strauß und Torney widmet.
Um die Fortsetzung ihrer Tätigkeit abzusichern, machte die Autorin nach der „Machtergreifung“ erstaunliche Konzessionen an die Kulturausrichtung der Nationalsozialisten. Ihre Heimatdichtung und einsamen „Führergestalten“ entsprachen dem neuen Literaturverständnis mit der „Blut-und-Boden-Literatur“ und galten in deren Propaganda als besonders „erdverbunden“. 1943 bekam die angepasste Autorin die „Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft“.
Nach dem Kriegsende lebte Lulu zurückgezogen in Jena, wo sie am 19. Juni 1956 im Alter von 82 Jahren starb. Ihre Teilnachlässe befinden sich heute in der Handschriftenabteilung der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund und im Staatsarchiv Bückeburg.M.S.


