04.02.2026

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Folge 38-23 vom 22. September 2023 / Baukunst / Ein Weltstar der Architektur aus Ostpreußen / Vor 70 Jahren starb Erich Mendelsohn in San Francisco. Sein erstes Bauwerk entwarf er in seiner Heimatstadt Allenstein

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-23 vom 22. September 2023

Baukunst
Ein Weltstar der Architektur aus Ostpreußen
Vor 70 Jahren starb Erich Mendelsohn in San Francisco. Sein erstes Bauwerk entwarf er in seiner Heimatstadt Allenstein
Martin Stolzenau

Erich Mendelsohn sorgte vor allem mit Bauten der expressionistischen sowie organischen Architektur für internationales Aufsehen und hatte außer in seiner ostpreußischen Heimat, Berlin und Schlesien seine Wirkungsstätten in ganz Deutschland, in Norwegen, England, den USA und Israel. 

Der führende Pionier der „Stromlinien-Moderne“ wird von der Kulturgeschichte zu den bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts gezählt. Der Einsteinturm in Potsdam, das Mossehaus in Berlin, das Schocken-Kaufhaus in Chemnitz, das Kaufhaus Petersdorff in Breslau, das Kaufhaus Doblouggarden in Oslo und das Bankhaus Leumi sowie die Hebräische Universität in Jerusalem gelten als Klassiker der Moderne. Damit schuf der deutsch-jüdische Stararchitekt mit richtungsweisenden Moderne-Visionen, der von den Nazis ins Exil getrieben wurde, internationale Baudenkmäler, die über seinen Tod vor 70 Jahren hinaus bis in die Gegenwart für eine ungebrochene Nachwirkung sorgen. 

„Visionen für die Ewigkeit“

In seiner ostpreußischen Heimat, in Berlin und im schlesischen Gleiwitz erinnern Gedenktafeln an ihn. Seit 2009 widmet sich eine Erich-Mendelsohn-Stiftung mit Sitz im Landhaus Bejach in Berlin-Steinstücken der Erforschung von Leben und Werk des Architekten. 2011 entstand ein internationaler Dokumentarfilm mit dem Titel „Visionen für die Ewigkeit“. Das Staatliche Museum für Archäologie in Chemnitz zeigt in einer Dauerausstellung in einem Bau von Mendelsohn seine spektakulärsten Schöpfungen im Modell. Im Archiv der Akademie der Künste in Berlin wird eine „Erich-Mendelsohn-Sammlung“ aufbewahrt. Dazu gesellt sich eine umfangreiche Literatur, die die Projekte und Bauten des Architekten mit ihrer Nachwirkung untersucht.

Erich Mendelsohn wurde am 21. März 1887 in Allenstein geboren. Der Architekt war das fünfte von sechs Kindern seiner Eltern. Das waren die Hutmacherin Emma Esther Mendelsohn und der Kaufmann David Mendelsohn. Sie ermöglichten dem Jungen einen weiterführenden Bildungsweg, ließen ihn das humanistische Gymnasium in Allenstein besuchen und schickten ihn nach einer kaufmännischen Lehre in Berlin zum Studium der Volkswirtschaft zur Universität in München. 

Der Aufstieg zum Stararchitekten 

Schon nach zwei Jahren wechselte des Ostpreuße, der sich immer stärker zur Architektur hingezogen fühlte, an die Königlich Technische Hochschule in Berlin-Charlottenburg, wo er nun Architektur studierte. Sein Studium vollendete Mendelsohn 1912 – er pflegte Kontakte zu Mitgliedern der „Brücke“ und des „Blauen Reiters“ – dann an der Technischen Hochschule in München mit dem Abschlussprädikat „cum laude“. Parallel entwarf er als erstes eigenes Werk das Taharahaus für den Jüdischen Friedhof seiner Vaterstadt Allenstein.

Es folgte sein unaufhaltsamer Aufstieg bis zur internationalen Bekanntheit. Mendelsohn arbeitete zunächst als freier Architekt in München und heiratete Luise Maas, eine Cellistin, die ihm die Bekanntschaft mit Herbert Freundlich vermittelte, der ihm als stellvertretender Direktor des Kaiser-Wilhelm-Institutes in Berlin-Dahlem einige Bauaufträge verschaffte. Dazu kam der familiäre Kontakt zur Luckenwalder Unternehmerfamilie Gustav Herrmann der zu weiteren Aufträgen führte. 

Dieser Aufbruch wurde durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. Mendelsohn wurde Soldat, überlebte und gründete nach der Heimkehr Ende 1918 in Berlin ein eigenes Architekturbüro. Mit dem spektakulären Bau der Hutfabrik in Luckenwalde sorgte er für erstes Aufsehen, glänzte nach Vermittlung Freundlichs mit dem ungewöhnlichen Einsteinturm für das Potsdamer Sternenobservatorium auf dem Telegrafenberg und war fast parallel für den Um- und Ausbau des Verlagshauses von Rudolf Mosse in Berlin verantwortlich. Allesamt Höhepunkte der frühen Moderne. 

Mendelsohn spielte nun in der Oberliga der deutschen Architekturszene, unternahm mit seiner Frau 1923 eine Palästinareise und eine Amerikareise, auf der er Gesinnungsfreunde der Moderne wie Frank Lloyd Wright traf. 

1926 gründete Mendelsohn mit Ludwig Mies van der Rohe und Hugo Häring den „Ring“, einen Zusammenschluss progressiver Moderne-Architekten. Sein Büro hatte in der Weimarer Republik bis zu 40 Mitarbeitern. Er sorgte für konstruktivistische Industriearchitektur in St. Petersburg, war verantwortlich für die bekannten Schocken-Kaufhäuser in Stuttgart sowie Chemnitz, erstellte die Pläne für das Osloer Kaufhaus Dobloouggarden sowie die heutige Berliner Schaubühne am Lehniner Platz und konnte sich „vor Aufträgen nicht retten“. Parallel entstand 1927/28 das Breslauer Kaufhaus Petersdorff und seine private Villa „Am Rupenhorn“, die er mit teuren Kunstwerken ausstattete, was viele Neider auf den Plan rief und die Nazis zu früher Hetze bewog. 

Flucht aus der Heimat  

Das bewog Mendelsohn nach deren Machtübernahme zum Wechsel nach England. Sein inzwischen gewachsenes Vermögen wurde beschlagnahmt. Er wurde aus dem Deutschen Werkbund und der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen und schuf zunächst in England in einer Büropartnerschaft moderne Wohnkomplexe, ehe er 1935 nach Palästina ging, wo er mit Unterstützung von Chaim Weizmann, dem späteren ersten Staatspräsidenten Israels, ein neues Architekturbüro eröffnete sowie Bibliotheken, Krankenhäuser, Schulen, die Hebräische Universität und Wohnkomplexe schuf, die zu Ikonen der Moderne gediehen. 

Ab 1941 wirkte Erich Mendelsohn in den USA, publizierte dort über moderne Architektur, machte Vortragsreisen und beriet die US- Regierung bei Bauvorhaben.  Zuletzt lebte der Stararchitekt in San Francisco, wo er nach längerem Krebsleiden am 15. September 1953 verstarb.