Berlin vor 100 Jahren: „Unhaltbare Zustände“, so titelten die Tageszeitungen damals, herrschten in Berlin. Grund war die enorm hohe Kriminalitätswelle. Und die – das war neu – hatte auch ungewohnt brutale Schwerverbrecher produziert. Willi Opitz, genannt „Tango-Willi“, war zu Lebzeiten „der Allergefährlichste“ von allen. Ein Mann mit einem beschwingten Spitznamen, der der Verbrecherwelt dazu diente, ihn von den anderen dunklen Gestalten mit dem gleichen Vornamen zu unterscheiden.
Tango-Willi war in gewisser Weise ein Spiegelbild der Gesellschaft, die unter dem Verlust von Werten und Moral zu leiden hatte. Fühlte er sich bedroht, setzte er sofort die Schusswaffe ein. Skrupel? Für ihn ein Fremdwort. Für den Mann, der immer auf der Flucht war, jenseits der Bürgerlichkeit, Stammgast in den Schankwirtschaften des Nordens, dem Trunk ergeben. Aber auch ein Falschspieler.
Wie es kam, dass aus dem braven Stellmacher-Sohn Carl Opitz „Tango-Willi“ wurde, keiner weiß es mehr. Oftmals waren Diebstähle in jungen Jahren der Anfang vom Ende. Die Großstadt Berlin diente als idealer Zufluchtsort. Bereits um 1910 war Opitz wegen eines Einbruchs in eine Villa in die Schlagzeilen geraten.
1919 war er längst Profi-Ein- und Ausbrecher, aber auch ein Gewaltverbrecher, der bereit war, sofort zu schießen, sobald er sich bedroht fühlte. Ein Gestrandeter, der wusste, wo er hingehörte: in die hoffnungslose Welt der Verbrecher. Doch ein derart impulsiv veranlagter und gewaltbereiter Krimineller war stets auch in Gefahr, im Kugelhagel der Polizei sein Leben auszuhauchen. Das war sein ganz persönliches „Berufsrisiko“.
Dann ging das krisengeschüttelte Jahr 1919 zur Neige. Trauerstimmung im Berliner Kabarett „Schwarzer Kater“? Weit gefehlt. Da wurde am 19. Dezember fröhlich gezecht, hoch die Sektgläser! Bis Schüsse auf der Straße den Abend jäh beendeten und viel Blut das Trottoir befleckte. Opitz hatte den Fahrer einer bereits anderweitig reservierten Kraftdroschke erschossen und danach einen Pförtner, der dem Mann zu Hilfe geeilt war. Der gerechten Strafe von neun Jahren entzog sich Opitz durch Flucht aus der Haftanstalt Tegel. Seine Strafakte hatte mittlerweile beängstigende Ausmaße angenommen: über 100 Einbrüche, viele Raubüberfälle, vier Morde. Für die Gesellschaft war er verloren.
1922, der Morgen des 5. Novembers brach an. Es wurde ein grauer Tag, und der allerletzte überhaupt für Willi Opitz, den die Behörden immer noch suchten. Kriminalbeamten war es gelungen, ihn aufzuspüren: Zugriff! Opitz eröffnete das Feuer, doch diesmal war das Spiel aus. Von zwei Kugeln im Kopf getroffen lag er röchelnd auf dem kalten Kaschemmenboden, wurde noch in die Charité gekarrt, doch starb dort bei der Notoperation. Die Zeitungsmeldungen überschlugen sich, postum erlangte er seltsame Popularität.
Der zweifelhafte Ruhm Opitz’ reichte sogar bis nach Australien, wo er am 6. Januar 1923 von „The Telegraph“ zum Meisterkriminellen stilisiert wurde, und sich somit sogar Down Under der schlechte Ruf Berlins als „Chicago Deutschlands“ verfestigte.


