Nach der Documenta ist Kulturstaatsministerin Claudia Roth gerade dabei, eine weitere wichtige Kulturinstitution nachhaltig zu beschädigen. Hatte sie beim Antisemitismus-Eklat der Kasseler Kunstausstellung documenta im vergangenen Jahr nur halbherzige Konsequenzen gefordert, was im In- und Ausland für Entsetzen sorgte, so könnte nun die Berlinale das nächste Opfer einer fragwürdigen Entscheidung Roths sein.
So hat Carlo Chatrian seinen Rücktritt als künstlerischer Leiter angekündigt, nachdem der Berlinale-Aufsichtsrat unter Führung der Staatsministerin entschieden hatte, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Vorausgegangen war der Rückzug der niederländischen Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek, mit der Chatrian seit 2020 eine Doppelspitze gebildet hatte. Roth hatte daraufhin erklärt, dass es zukünftig kein Duo mehr an der Spitze des Filmfestivals geben solle.
Dem Turiner Filmkritiker Chatrian, der zuvor sechs Jahre lang mit Erfolg – alleiniger – künstlerischer Leiter des Internationalen Filmfestivals von Locarno gewesen war, scheint sie es nicht zuzutrauen, die Berlinale im Alleingang wieder in die Gänge zu bringen, jedenfalls nicht so, wie sie es sich möglicherweise gerne vorstellt: bunter, diverser, feministischer.
Für die Staatsministerin hat sich die Causa Chatrian bereits zu einem Kommunikationsdesaster entwickelt. Erst hatte der Aufsichtsrat Chatrian eine Vertragsverlängerung in Aussicht gestellt, um sie nur eine Woche später zurückzunehmen. Auf diesen Affront hin stellten sich
200 internationale Persönlichkeiten aus der Filmbranche in einem offenen Brief hinter Chatrian. Darin heißt es: „Wir protestieren gegen das schädliche, unprofessionelle und unmoralische Verhalten von Staatsministerin Claudia Roth, die den geschätzten künstlerischen Leiter Carlo Chatrian zum Rückzug zwingt.“
Prominentester Unterzeichner ist der Hollywood-Regisseur Martin Scorsese. Daneben finden sich aber auch die deutsche Regisseurin Margarethe von Trotta oder die weltbekannten Schauspieler Tilda Swinton, Paul Schrader sowie die diesjährige Jurypräsidentin der Berlinale, Kristen Stewart.
Chatrian hatte mit Rissenbeek das Pech, die Berlinale-Leitung zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt zu übernehmen. Nach dem Ausscheiden des langjährigen Berlinale-Leiters Dieter Kosslick musste das Duo das Festival durch die Pandemie-Zeit leiten. Im ersten Corona-Jahr 2020 hat man die Berlinale gerade noch so durchschaukeln können, 2021 hat man das Festival bei abgespecktem Programm auf zwei Termine verteilt, und im Jahr 2022 durfte nur die Hälfte der Kinosäle besetzt werden. Erst in diesem Jahr konnte das Publikum wieder ungehindert in die Veranstaltungen strömen.
Dafür muss das Festival für das kommende Jahr den nächsten Nackenschlag hinnehmen, nachdem im Juli beschlossen wurde, wegen der Inflation und des Rückzugs von Sponsoren das Budget massiv zu kürzen. Das weltweit größte Publikumsfestival der Welt soll verschlankt werden. Zuvor schon wurde immer wieder Kritik laut an der Unzahl an Filmen und einem unübersichtlichen Programm, das keinen roten Faden erkennen ließe.
Dieses Jahr wurden dem Publikum während der zweiwöchigen Veranstaltung 287 Filme präsentiert. Im kommenden Jahr soll die Anzahl um fast ein Drittel auf 200 reduziert werden, was immer noch 120 Produktionen mehr sind als in den Filmfestivals von Cannes oder Venedig.
Dass die Berlinale derart aufgebläht daherkommt, ist weniger das Werk Chatrians als das seines Vorgängers Kosslick. Er wollte mit Quantität punkten und so den Anschluss an die Konkurrenz in Cannes und Venedig halten. Dank seiner umtriebigen Persönlichkeit hielt er das Ganze zusammen und lockte Jahr für Jahr Schauspielstars nach Berlin, die trotz kalter Jahreszeit leicht bekleidet auf dem roten Teppich für die Fotografen posierten. 18 Jahre lang bestimmte er auf diese Weise die Geschicke der Berlinale. Seine charismatische Vorgehensweise trug ihm viel Verehrung, sein ausuferndes Programm aber zuletzt auch deutliche Kritik ein.
Anders als Kosslick ist Chatrian kein Showmann, sondern ein Feingeist, der das Rampenlicht eher scheut. Erschwerend kommt hinzu, dass der Italiener kaum Deutsch spricht und daher keine große Publikumsnähe aufbauen konnte.
Das alles hätte man vorher wissen sollen, als man ihn und Rissenbeek für die Nachfolge Kosslicks nach Berlin holte. Im Vergleich zu dem Festival von Locarno, das Chatrian zuvor leitete, ist die Berlinale ein schwerfälliger Tanker, der nur mit viel Mühe auf Kurs zu halten ist. Das ist umso aufwendiger, als man von dem Duo Chatrian und Rissenbeek einen Spagat zwischen deren eigenen künstlerischen Vorstellungen und den „woken“, gendergerechten Interessen der Stadt abverlangte. In Locarno war Chatrian solchen Einflüssen nicht ausgesetzt gewesen. Dort hat er ein kleines, aber feines Filmfest etablieren können, das so manchen Star dazu antrieb, ins Tessin zu reisen.
Für die Berlinale hatte der Festivalorganisator allerdings nicht die Gelegenheit bekommen, ein ähnlich stringentes Profil zu entwickeln. Auch musste er sich sicher zu Recht Kritik wegen der schwammigen Programmplanung anhören, was wohl zu möglichen Spannungen mit Rissenbeek führte, die mutmaßlich deshalb ihren Job quittierte. Aber eine echte Chance hat man den beiden wegen Corona, Budgetkürzungen und Einmischungen durch die grüne Kulturpolitik nie gegeben.
Der Berlinale, die in ihren Glanzzeiten zu den sogenannten A-Festivals gehörte, sich zuletzt aber schwertat, mit Cannes und Venedig mitzuhalten, droht nun der endgültige Abstieg in die zweite Liga. Das liegt aber nicht daran, dass es an einer engagierten Festivalleitung und einem filmbegeisterten Publikum mangelt. Zu verdanken wäre das einer kulturpolitischen Einflussnahme, die das Festival zu demontieren anschickt.
Kulturstaatsministerin Roth, die sich immer gern auf dem roten Teppich präsentiert, stellt sich nun auch in der Personalie um einen neuen Festivalleiter in den Vordergrund. Eine Doppelspitze solle es zukünftig nicht mehr geben, heißt es aus ihrem Haus. Das Experiment sei gescheitert. Dafür soll eine Findungskommission unter ihrer Leitung die Nachfolge klären. Man kann sich vorstellen, wie die im Idealfall auszusehen hat: grün, „woke“, weiblich. Der nächste Hilferuf für die Berlinale von Weltstars wie Martin Scorsese käme dann wohl endgültig zu spät.