Heinrich Heine lässt sein Gedicht „Nachtgedanken“ mit dem Versen beginnen: „Denk ich an Deutschland in der Nacht / Dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Ersetzt der Leser des Buchs „Blackbox Bundeswehr“ Deutschland durch Bundeswehr, kann er gar nicht mehr schlafen. Achim Wohlgethan, früherer Fallschirmjäger mit zwei Afghanistan-Einsätzen, zeigt ein derart düsteres Bild vom Zustand der deutschen Streitkräfte, dass einem angst und bange wird. Sein knappes Fazit: Die Bundeswehr ist bei der Landes- und Bündnisverteidigung im jetzigen Zustand nicht einsatzbereit.
Wohlgethan ist für den Bundeswehrverband tätig. Mit viel Detailwissen geht er alle Unzulänglichkeiten bei Waffensystemen, Personal und Beschaffungswesen durch. Es sind haarsträubende Geschichten: vom neuen Transportflugzeug, bei dem von 37 Maschinen gerade mal zehn einsatzbereit sind; vom Hubschrauber NH90, der als militärischer Hubschrauber „völlig ungeeignet“ ist; vom immer wieder nachgerüsteten Schützenpanzer Puma, der Unsummen an Kosten verursacht und trotzdem bei der NATO-Eingreiftruppe vom veralteten Marder ersetzt werden musste; von der Munition, die höchstens fünf Tage reicht, obwohl die NATO 30 Tage verlangt; vom problematischen Outsourcing genuin militärischer Aufgaben an ziviles Personal; von der „Kannibalisierung“ beim Tornado, bei dem es schon seit Längerem keine Ersatzteile mehr gibt.
Der Laie staunt über extreme Lieferfristen: beim Eurofighter 32 Monate, bei der Fregatte 125 70 Monate, beim Puma 69 Monate, beim Hubschrauber sogar 134 Monate, also über elf Jahre. Die Mehrkosten betrugen bisher 13 Milliarden Euro. Die Einsatzbereitschaft mancher Systeme liegt bei unter 30 Prozent. Das Kaputtsparen bei der Luftabwehr habe dazu geführt, dass Deutschland heute einem Luftangriff nahezu schutzlos ausgesetzt ist.
Der Autor fühlt sich der Truppe sehr verbunden. Er will mit dem Buch wachrütteln, ist aber skeptisch, ob das angesichts der überbordenden Bürokratie gelingen kann: „Es fehlt an der nötigen Weitsicht und am Verantwortungsbewusstsein.“ Das vom Bundeskanzler verkündete 100-Milliarden-Sofortprogramm könne eine Chance sein, doch mit den jetzigen Strukturen würden alle Probleme nur noch größer. Es ist ein zutiefst alarmierendes Buch. Ein winziger Trost ist, dass auch die russische Armee, wie sich in der Ukraine zeigt, nicht so top ist, wie sie vorgibt. Aber im Ernstfall kann man sich darauf nicht verlassen.
Achim Wohlgethan: „Blackbox Bundeswehr. Die 100-Milliarden-Illusion. Was unsere Truppe jetzt wirklich braucht“, Econ Verlag, Berlin 2023, gebunden, 320 Seiten, 21,99 Euro