Die Älteren erinnern sich noch an das Wort von der „klammheimlichen Freude“, die ein linker „Stadtindianer“ namens Mescalero im Frühjahr 1977 zum Ausdruck brachte, nachdem Generalbundesanwalt Siegfried Buback von einem Terrorkommando der RAF auf offener Straße erschossen worden war. Immerhin entspann sich daraufhin eine intensive Debatte über die moralische Qualität dieser Haltung, die am Ende doch nicht ganz frei von Skrupeln gewesen war.
Am vergangenen Sonnabend jedoch, als blutrünstige Terroristen der Hamas Israel überfielen und hunderte Frauen, Kinder und Männer abschlachteten, freuten sich in Berlin-Neukölln Dutzende Palästinenser ganz offen und rückhaltlos, verteilten arabische Süßigkeiten, riefen „Yallah Intifada“ und schwenkten palästinensische Fahnen. Arabische Jugendliche warfen Pflastersteine auf Polizisten, und die „Junge Welt“, in der DDR einst das offizielle Zentralorgan der Freien Deutschen Jugend (FDJ), überschrieb ihren aktuellen Bericht mit der Titelzeile „Gaza schlägt zurück“. Das „na endlich“ konnte man deutlich durchhören.
Wo Terror gegen Zivilisten zu Widerstand erklärt wird
Zum „heldenhaften Widerstand“ gehört unter antifaschistischen deutschen Linken offensichtlich auch, dass jüdische Frauen entführt, vergewaltigt und noch als Leichen durch die Straßen Gazas geschleift werden; Massaker an 260 internationalen Teilnehmern eines Musikfestivals; die Schändung von Kindern. Auf dem Gelände dieses „Festivals for Peace“ wurden Frauen neben den Leichen ihrer Freunde vergewaltigt.
Nackte Barbarei.
Obwohl zu Wochenbeginn die Zahlen der Opfer des Terrors bereits bei 900 Toten und 2600 Verletzten lagen, beklagte man in der Montagsausgabe der „Jungen Welt“ allerdings nur die „einseitige Empörung“ in deutschen Medien: „Für Schlichtdenkende hat die Hamas ‚angefangen‘. Dass der Krieg eine Folge der Tatsache ist, dass Israel seit Juni 1967 palästinensisches Gebiet besetzt hält, kann man mit genug bösem Willen oder einem Übermaß an Dummheit und Gleichgültigkeit auch ignorieren.“ „Angefangen“? Hier weht der eiskalte Hauch des Stalinismus durch die Redaktionsräume des Kommunistenblättchens in Berlin-Mitte, eine menschenverachtende Rechtfertigung für wahllosen Massenmord an unschuldigen Zivilisten wie zu Zeiten der Pogrome an den russischen Kulaken.
Die Bundesregierung fiel zunächst nur durch ihre routinierten Solidaritätserklärungen à la „Wir stehen fest an der Seite Israels“ auf – von praktischer Hilfe, die ja angeblich zur „deutschen Staatsräson“ zählt, hörte man auch am Tag darauf noch nichts.
Vor dem Brandenburger Tor versammelten sich am Sonntag immerhin 2000 Menschen, um gegen „diesen verbrecherischen Massenmord“ zu demonstrieren. Berlins Regierender Bürgermeister sprach ebenso eindringlich wie der israelische Botschafter und die Botschafterin der Vereinigten Staaten. Eine Hauptforderung: Schluss mit der milliardenschweren Finanzierung palästinensischer Institutionen, deren undurchsichtige Geldflüsse womöglich auch bei der Hamas ankommen. Der Historiker Michael Wolffsohn wies in der „Welt“ darauf hin, dass eben auch durch deutsche Steuergelder Antisemitismus und offene Judenfeindschaft gefördert würden:
„Die Hamas-Dschihad-Krieger verhalten sich in diesem Krieg genau so, wie sie durch ihre Schulbücher seit Jahrzehnten programmiert werden: Juden mordend. Daran sind Deutschland, die EU und die UN alles andere als unschuldig. Seit jeher finanzieren sie jene Schulbücher mit Anleitungen zum Judenmord. Nicht nur in palästinensische Schulbücher fließt deutsches Geld, auch in palästinensische und befreundete Organisationen, die zumindest indirekt palästinensischen Terror massiv unterstützen.“
Vor den Synagogen des Landes wurden derweil die Polizeikräfte verstärkt, während gleich nebenan, so wie in der pittoresken Rykestraße in Berlin Prenzlauer Berg, nach Kräften gebrunched und gelunched wurde wie an jedem anderen friedlichen Sonntag. Man lässt sich da nicht aus der Ruhe bringen. Von den professionellen „Israelkritikern“, Anhängern der „Zwei-Staaten-Lösung“ und Mitgliedern der Boykottbewegung BDS kam vor allem eines: dröhnendes Schweigen.
Kein Wunder, ist doch das Ziel von Hamas, Islamischem Dschihad, PFLP und anderen palästinensischen Extremistengruppen nichts anderes als die Vernichtung Israels. Weitere Boykottaufrufe würden sich dann erübrigen. An Israels Stelle entstünde ein palästinensisch-islamistischer Staat, dessen Vorbild der Iran wäre: ein Terrorstaat.
Der freie Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks und des Senders „arte“, Malcolm Ohanwe, twitterte frisch und frei von der Leber weg: „Wenn die Zunge der Palästinenser systematisch abgeschnitten wird, wie sollen sie sich mit Worten wehren? Wenn das Wahlrecht der Palästinenser unterbunden wird, wie sollen sie sich mit Kreuzen wehren? Wenn ihre Bewegung eingeschränkt wird, wie sollen sie sich mit Demos wehren? Was erwarten Leute? Dass unbewaffnete Menschen eiskalt getötet werden, ist eine Tragödie. Es passiert ständig in Palästina, staatlich subventioniert sogar. Zu glauben, dass auf maßlose, willkürliche Gewalt nicht irgendwann dasselbe als Antwort folgt, ist nicht nur naiv, sondern menschenverachtend.“ Es ist immer wieder aufschlussreich, wer alles im öffentlich-rechtlichen Rundfunk unterwegs ist. Gerade ist Ohanwe noch bei den „Neuen Deutschen Medienmacher*innen“ aufgetreten, die bis vor Kurzem von Ferda Ataman geleitet wurden, jetzt Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes.
Teil eines globalen Konflikts
Von den muslimischen Verbänden, die sonst regelmäßig über „Islamfeindlichkeit“ in der deutschen Bevölkerung klagen, war zunächst nichts zu hören. Dann forderte Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, dass „alle Seiten jetzt die Kampfhandlungen sofort einstellen müssen.“ Damit stellt er nicht nur Terroristen und Opfer auf eine Stufe, sondern bestreitet den Angegriffenen auch noch das Recht zur Selbstverteidigung.
Es liegt auf der Hand, dass der Existenzkampf Israels Teil jener globalen Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Diktatur ist. Das viel belächelte Wort von der „Achse des Bösen“ trifft den Kern der Sache. Von China bis Russland, von Nordkorea bis Iran, von Afghanistan bis zu den Terrorgruppen im gesamten Nahen und mittleren Osten zieht sich die bedrohliche Front. Für den Iran etwa ist der endemische Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ja nur ein Vorwand, um den Krieg gegen den jüdischen Staat als „Vorposten“ der westlichen Welt zu befeuern.
Die Einschläge kommen näher: Putins Krieg gegen die Ukraine, Aserbaidschans Eroberungsfeldzug in Bergkarabach samt Vertreibung der Armenier, nun die brutale Attacke auf Israel: Bullerbü ist abgebrannt, Krieg wieder Teil der Normalität, und langsam spürt man auch in Deutschland, dass sich die Zeiten geändert haben.