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Folge 42-23 vom 20. Oktober 2023 / Wissenschaft / So sehr prägt die Region unser Wesen / „Geographische Psychologie“: Ein neuer Forschungszweig fördert Erstaunliches zutage über den Zusammenhang von Heimatregion und seelischer Verfasstheit von Menschen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-23 vom 20. Oktober 2023

Wissenschaft
So sehr prägt die Region unser Wesen
„Geographische Psychologie“: Ein neuer Forschungszweig fördert Erstaunliches zutage über den Zusammenhang von Heimatregion und seelischer Verfasstheit von Menschen
Wolfgang Kaufmann

Berliner haben eine große Klappe und Norddeutsche bekommen den Mund nicht auf. Sachsen reisen unentwegt und Schwaben sind sparsam oder gar geizig. Für Rheinländer ist das Leben ein einziger großer Karneval und Bayern ticken in jeder Hinsicht „traditionell anders“. Die Liste solcher Stereotype ließe sich schier endlos verlängern. Und tatsächlich gibt es Unterschiede in der Mentalität der Bewohner verschiedener Regionen – in Deutschland und auch anderswo. Das zeigen die empirischen Befunde einer relativ jungen Wissenschaftsdisziplin, deren offizielle Geburtsstunde im Jahre 2013 schlug, als Peter Jason Rentfrow vom Social Dynamics Research Center der Universität Cambridge sein Buch „Geographische Psychologie. Erforschung der Wechselwirkung von Umwelt und Verhalten“ veröffentlichte.

Seither lieferte die Geographische Psychologie einiges an Erkenntnissen. So konnte Olga Stavrova von der Universität Köln 2015 anhand der Auswertung von Messungen zur langfristigen subjektiven Stimmungslage zeigen, dass Neurotizismus, also die Neigung zu Stimmungsschwankungen bei gleichzeitigem Überwiegen von negativen Affekten und dauerhafter Unzufriedenheit, im städtischen Raum stärker verbreitet ist als auf dem Lande. 2018 wiederum untermauerte Martin Obschonka von der Queensland University of Technology diesen Befund durch Erhebungen in den ehemaligen Zentren der Kohlereviere von England und Wales. Anschließend untersuchte er 2019 die Verhältnisse in der Bundesrepublik. Dabei kam folgendes zutage: Südwestlich der Linie Köln-München ist der Neurotizismus schwächer ausgeprägt als im Rest des Landes, wobei die Südwestdeutschen sich auch tendenziell offener geben.

Angleichung an den Raum

2021 analysierte eine Arbeitsgruppe um Tobias Ebert von der Universität Mannheim regionale Unterschiede im Konsumverhalten der Briten. Dabei stellten die Psychologen beispielsweise fest, dass die Bewohner Londons mehr Geld für alkoholische Getränke und Reisen ausgaben als finanziell gleichgestellte Menschen in anderen Regionen der britischen Insel. Zugleich diagnostizierten sie in den durch einen stärkeren Neurotizismus geprägten früheren Hauptstädten des Kohlebergbaus eine relativ große Zurückhaltung bei Käufen aller Art, welche sich ebenfalls nicht aus der Einkommensverteilung erklären ließ. Das korrespondiert mit den Ergebnissen weiterer Studien: Ganz offensichtlich gibt es ein ganzes Bündel von Faktoren, welche die jeweilige psychische Grundverfassung der Bewohner eines speziellen Landstriches bedingen.

Da wäre etwa die lokale Sozialstruktur. Beispielsweise sind die Menschen in Städten oder Regionen mit überdurchschnittlich junger Bevölkerung aufgeschlossener. Dahingegen dominieren Zurückhaltung oder Streitsucht, wenn die lokale Kriminalitätsrate höher liegt als im überregionalen Durchschnitt.

Darüber hinaus spielt das Phänomen der Sozialen Ansteckung eine wichtige Rolle. Einstellungen und Stimmungen sowie letztlich auch Persönlichkeitseigenschaften breiten sich innerhalb der sozialen Netzwerke vor Ort aus. Das bewirkt die allmähliche Angleichung der Charaktere in einem bestimmten geographischen Raum. Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, dass wir alle lieber mit solchen Personen interagieren, die unsere Ansichten oder Vorlieben teilen. Daraus resultiert dann wiederum die Bildung von organisatorischen Strukturen wie Vereinen, welche die mentale Homogenisierung vorantreiben. Dabei kann die Soziale Ansteckung auch negative Folgen haben, weil sie zum gegenseitigen Hochschaukeln führt. So fanden niederländische Forscher heraus, dass sich das Burnout-Syndrom unter Lehrkräften deutlich stärker verbreitet, wenn die Betroffenen ihre Sorgen und Nöte vor allem innerhalb der Schule thematisieren.

„Glücksritter“ oder Bodenständige

Der Homo sapiens wird zudem von der Gesellschaft „erzogen“, in der er aufwächst oder lebt. In diesem Prozess der Sozialisation übernimmt der Mensch die Normen, Werte, Einstellungen, Stereotype, Eigenschaften und charakteristischen Verhaltensweisen seines Umfeldes. Wenn jemand also von Natur aus unpünktlich und liederlich ist, aber im Alltag ständig vermittelt bekommt, dass dies unerwünscht sei, dann passt er sich entweder an oder verschwindet woandershin, wo sein Manko nicht als Problem empfunden wird. So entstehen räumlich begrenzte „Cluster“ bestimmter Charakterzüge. Auch sorgten die Migrationsströme der Vergangenheit für die Vorherrschaft bestimmter Persönlichkeitseigenschaften in bestimmten Landschaften. 

Üblicherweise sind früher vor allem ehrgeizige, leistungsbereite und risikofreudige Menschen aus den Regionen abgewandert, welche ökonomisch unterentwickelt waren. Damit verfestigte sich dort die Neigung zur „Bodenständigkeit“ mit all ihren positiven und negativen Aspekten, während in den Zielregionen ein ganz anderer Menschenschlag die Oberhand erlangte. Ähnlich bedeutsame Unterschiede kann man heute unter den Bewohnern derjenigen Länder finden, aus denen viele Immigranten in den Westen strömen: Die Auswanderer verkörpern eher den Typ des wurzellosen „Glücksritters“, wohingegen die Daheimgebliebenen am Vertrauten festhalten.

Dazu kommen das Klima und die Landschaft. Untersuchungen in China und den USA deuten darauf hin, dass Verträglichkeit und Offenheit öfter in Zonen mit einem milden Klima vorkommen. Im Gegenzug findet sich hier weniger Neurotizismus. Und japanische Forscher entdeckten 2015 bei Vergleichen zwischen der Mentalität von Berg- und Küstenbewohnern folgende Unterschiede: Wer im Gebirge lebt, ist introvertierter als der Durchschnitt, und wer am offenen Meer wohnt, zeigt im Verhältnis mehr Kontaktfreude und ein umgänglicheres Wesen. Allerdings ergaben Wiederholungen dieser Studie in den USA 2022 etwas andere Ergebnisse: Hier erwiesen sich die Küstenbewohner zwar ebenso als offen, aber zugleich auch relativ wenig verträglich.

Augenscheinlich bewirkt die Landschaft also nicht in jedem Kulturraum das selbe bei den Menschen. Die Beantwortung der Frage, warum das so ist, gehört zu den zentralen Zukunftsaufgaben der Geographischen Psychologie. 


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