Helsinki hat ab dem 22. November alle Grenzübergänge nach Russland mit Ausnahme von einem geschlossen, nachdem die Zahl der Übertritte illegaler Migranten per Fahrrad kurz zuvor stark zugenommen hatte. Premierminister Petteri Orpo vertrat die Ansicht, dass Russland Migranten absichtlich über die Grenze lasse, obwohl sie keine gültigen Papiere hätten, und deutete dies als Versuch Moskaus, seinen Nachbarn zu destabilisieren.
Finnland hat eine 1340 Kilometer lange gemeinsame Grenze mit Russland, es ist die längste Grenze eines europäischen NATO-Staates zu einem Land außerhalb des Bündnisses. Der Kreml hatte im April gedroht, nach dem NATO-Beitritt Finnlands „Gegenmaßnahmen“ zu ergreifen, und bezeichnete die Erweiterung des westlichen Bündnisses als „Angriff auf die Sicherheit“ Russlands. Dazu kommt noch, dass Finnland im Zarenreich eine Zeit lang Teil Russlands war und so nach der Definition mancher Geschichtsrevisionisten Teil der „Russischen Erde“ ist.
Die Fahrradmigration begann Ende Oktober, als Russland das bilaterale Grenzkooperationsabkommen gekündigt hatte. Seitdem dürfen Ausländer ohne gültige Papiere die russischen Grenzposten passieren. Zwischen dem 13. und 17. November beantragten 371 Menschen an der finnisch-russischen Grenze Asyl, vorher waren es in dreieinhalb Monaten nur 90 gewesen, so die finnischen Grenzschutzbehörden. Fast alle kamen per russischen Pick-ups, auf denen ihr Fahrrad deponiert war, zur russischen Grenze, bei Temperaturen von bis zu minus 13 Grad. Das Niemandsland zwischen beiden Staaten darf nicht zu Fuß durchquert werden, deshalb die Fahrräder.
Ein neuer Eiserner Vorhang
Auf russischer Seite der Grenze werden an einigen Stellen bereits Zeltlager gebaut, was darauf hinweist, dass Moskau auf Zeit spielt. Hauptherkunftsländer der Fahrradmigranten sind Somalia, Jemen und Syrien. Es handelt sich allerdings nicht um eine Armutsmigration, denn laut BBC müssen die Fahrradfahrer für ihre Reise in die EU insgesamt bis zu 20.000 Euro aufwenden, dazu kommen noch bis zu 300 Euro für die Fahrräder. Die gibt es in der russischen Grenzstadt Wyborg, die einst die zweitgrößte Stadt Finnlands war.
Durch die Grenzschließungen zwischen Finnland und Russland senkt sich immer mehr ein neuer Eiserner Vorhang an Russlands Westgrenzen. Auch Norwegen überlegt, den einzigen Grenzübergang zu Russland zu schließen, nachdem auch dort Somalier aufgetaucht sind. Die baltischen Staaten und Polen lassen seit Monaten keine Russen mit Touristenvisa oder Pkw mit russischen Kennzeichen mehr einreisen.
Die baltischen Staaten, in denen viele russischstämmige Doppelstaatler leben, warnten diese Leute vor Reisen nach Russland, denn die Rückreise könnte nicht mehr möglich sein. Finnland will bis 2026 einen mehr als 200 Kilometer langen Zaun an seiner weitgehend unbewohnten Grenze zu Russland errichten. Dabei galt Skandinavien bislang als die liberalste Flüchtlingsregion in der EU. Damit ist es jetzt vorbei.


