Zu Unrecht ist der am 6. Dezember vor 200 Jahren in Dessau geborene und einst weltbekannte Sprachforscher Friedrich Max Müller in Deutschland weitgehend vergessen. Dabei kann man ihn mit einigem Recht als Begründer der vergleichenden Sprachwissenschaften bezeichnen. Wenigstens sind seine Arbeiten zumindest Indologie-Studenten bekannt, und die Goethe-Institute in Indien führen ihre Einrichtungen noch heute unter dem Namen „Max Müller Bhavan“ (Max-Müller-Gebäude).
Der Sohn des Dichters Wilhelm Müller, dessen Volkslieder von Franz Schubert vertont worden sind, verlebte seine Kindheit im Herzogtum Anhalt-Dessau, „eine kleine Oase in der Wüste Mitteldeutschlands“, und genoss seine weiterführende schulische Ausbildung ab 1836 an der Leipziger Nikolaischule. Nur einen Steinwurf entfernt immatrikulierte sich Müller anschließend 1841 an der Leipziger Universität für Philologie und Philosophie. Seine besondere Aufmerksamkeit galt allerdings schon bald dem Arabischen und dem indischen Sanskrit. Gewissermaßen neben seinen Forschungen für seine Dissertation über das dritte Buch zur Ethik des niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza übersetzte Müller die altindische Textsammlung Hitopadeca mit Fabeln über tierische und menschliche Charaktere. Die Übersetzung wurde noch während seiner Leipziger Zeit veröffentlicht.
Jugend und Studentenzeit in Mitteldeutschland
An der Universität geriet der junge Müller unweigerlich in die Auseinandersetzungen zwischen der bürgerlichen Revolution an der Hochschule und den hoheitlichen Kräften der Reaktion. Müller trat der Leipziger Burschenschaft Kochei bei, die politisch stark von Robert Blum beeinflusst war. Neben seiner Sympathie für die aufkeimende Revolution suchte er allerdings im burschenschaftlichen Dunstkreis den Kontakt zu Literaten, darunter der Dichter Wilhelm Wolfsohn, der Schriftsteller Hermann Jellinek und der noch junge Theodor Fontane. Die vier Freunde trafen sich mit weiteren Eingeweihten regelmäßig im Herwegh-Club, benannt nach dem beliebten Vormärz-Dichter. Die Freundschaft zwischen Müller und Fontane hielt lebenslang. Bei den Treffen wurde munter gezecht und Literarisches erörtert.
Während eines solchen Treffens beschrieb Fontane dem abwesenden Wolf-sohn in einem Brief die Taten der bereits angeheiterten illustren Gesellschaft: „Hinter mir dreschen Müller und Jellinek auf eine entsetzliche Weise; Bruno Bauer ist bereits totgeschlagen und Prof. Weise auf dem besten Wege, zum ,dummen Jungen‘ kreiert zu werden – o Himmel, jetzt kommt Hegel an die Reihe.“
Jahrzehnte später blickte Müller noch immer leicht belustigt auf seine Studentenjahre zurück: „Ich fürchte, ich war ein rechter Bär. Ich schloß mich einem studentischen Klub an, der zur Burschenschaft gehörte, der sich aber, um vor Verfolgung sicher zu sein, eine ,Gemeinschaft‘ nannte.“ Das Fechten von Mensuren und entsprechende Schmisse gehörten dazu. „Auch wenn ich von Natur aus kein rechter Raufbold war, so finde ich doch, daß ich mich in Leipzig duelliert habe, wobei ich zweimal noch heute kenntliche Denkzettel davontrug.“
Einblicke in die indische Religionsgeschichte
Müller verließ nach seiner Promotion Leipzig, um ab 1844 seinem tiefsitzenden Interesse an Sprachvergleichen zu folgen und in Berlin Persisch zu studieren. 1845 übersiedelte Müller nach Paris, im Jahr darauf nach Oxford. Dort ehelichte er 1859 Lady Georgina Grenfall of Maidenhead.
Müller übersetzte im Auftrag der Ostindien-Kompanie den sogenannten Rigveda, eine zentrale Schrift des Hinduismus, sowie entsprechende Kommentierungen des Philosophen Sayana. Damit eröffnete er der Handelsgesellschaft einen tieferen Einblick in die indische Religionsgeschichte. Sein Wirken brachte ihm allerdings bis in die Gegenwart hinein auch Gegner ein, darunter postkolonialistische Aktivisten, die ihn als Söldner der britischen Kolonialpolitik sahen und sehen.
Ab 1850 hielt Müller Vorlesungen an der Universität Oxford über Literaturgeschichte und vergleichende Grammatik. Einen eigenen Lehrstuhl für neue Sprachen und Literatur erhielt er 1854. Verwehrt blieb Müller allerdings der Zugriff auf den Lehrstuhl für Sanskrit. Dafür schuf die Universität Oxford 1868 eigens für Müller, der inzwischen auch Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften geworden war, eine Professur für vergleichende Sprachwissenschaften, eine Lehre, die er selbst begründet hatte.
These von der Veränderlichkeit von Gottesverehrung
Max Müllers Untersuchungen zur Religionsgeschichte und Mythologie machten den Begriff „Henotheismus“ populär. Darunter versteht man, dass auf lange Sicht sich der indogermanische Kulturkreis nur vorübergehend eine Gottheit aussucht, um sich dann einer anderen zuzuwenden. Aus dem indogermanischen Vatergott seien so später verschiedene Namen entstanden wie Zeus, Jupiter und Dyaus Pita (deus pater). In Homers „Illias“ vermochte Müller ähnlich wie beim „Nibelungenlied“ mehr Mythos als Geschichte zu erkennen. Dennoch gelang es dem Archäologen Heinrich Schliemann bei Gesprächen in London, Müller von der Historizität Trojas zu überzeugen.
Müllers These von der kulturellen Veränderlichkeit von Gottesverehrung kam bei der Kirche weniger gut an. Er verzichtete auf Drängen der anglikanischen Oxfordbewegung deshalb darauf, die beiden christlichen Testamente in sein 50 Bände umfassendes Hauptwerk „Sacred Books of the East“ aufzunehmen.
Müllers Einfluss sorgte dafür, dass die Briten lange die indogermanische Sprachengruppe als „Arier“ bezeichneten. Der französische Rassenideologe Arthur de Gobineau griff das auf und nutzte den Begriff als Synonym für eine für überlegen gehaltene nordische Herrenrasse. Müller wehrte sich dagegen und argumentierte, man dürfe Sprachfamilie nicht mit physischer Abstammung gleichsetzen, es verbiete sich von arischer Rasse oder arischem Blut zu sprechen. Doch Müller konnte den aufkeimenden Antisemitismus und den Missbrauch des Arier-Begriffs nicht mehr aufhalten.
Die höchste britische Ehrung für den Deutschen mag 1896 die Berufung in den königlichen Kronrat, in „His Majesty´s Most honourable Privy Council“, gewesen sein. Müller starb vier Jahre darauf am 28. Oktober 1900 in Oxford.