Die deutsche Aufklärung ist untrennbar mit dem Namen des Königsbergers Immanuel Kant verbunden. Doch dieser – zweifelsohne gerechtfertigte – Ruhm verdeckt das Wirken manch anderen großen Geistes jener Zeit, wie den Breslauer Christian Garve, der sich an der stoischen Ethik und vor allem an den britischen Aufklärern orientierte und zu Lebzeiten als Übersetzer sowie vor allem als Aufklärungsphilosoph auf Augenhöhe mit Moses Mendelssohn und Immanuel Kant Bekanntheit erlangte.
Christian Garve wurde am 7. Januar 1742 in Breslau geboren. Sein Vater war ein erfolgreicher Handwerksmeister, ermöglichte dem geistig interessierten Sohn einen weiterführenden Bildungsweg und schickte ihn nach dem Abitur zum Studium nach Frankfurt an der Oder und Halle an der Saale. Der junge Mann aus Breslau studierte hauptsächlich Philosophie, Sprachen und Mathematik, beschäftigte sich schon früh mit der stoischen Ethik, den Wegbereitern der Aufklärung vor allem im englischen Königreich und erschloss sich deren Werke in der Originalsprache.
Nach der Berufung zum Professor in Leipzig 1770 trat Garve mit ersten Übersetzungen von Schriften Ciceros und britischer Philosophen hervor. Dann aber zog es ihn wieder öfter nach Breslau, wo er lehrte, weitere Übersetzungen anfertigte, als Buchhändler tätig war sowie mit Rezensionen und moralphilosophischen Schriften wachsende Bekanntheit erlangte. Besonderes Aufsehen erregten die Übersetzungen der Werke von Edmund Burke und Adam Ferguson. Sie gehörten in der Rückübersetzung ins Französische auch zur Lektüre von Friedrich dem Großen. Wiewohl der Preußenkönig sich vor allem für die französischen Aufklärer interessierte, entwickelte er über Garve auch Interesse für die britischen Aufklärer sowie für deren deutschen Übersetzer und dessen Ansichten.
Garve versammelte um sich andere Denker wie Johann Gottlieb Schummel, unterhielt mit ihm auch regen Kontakt zu katholischen Aufklärern und gedieh zum Haupt der Breslauer Aufklärungsgesellschaft. In dieser Eigenschaft brachte er die Gründung einiger schlesischer Provinzblätter auf den Weg, die die Aufklärungsideen einschließlich der „Untersuchungen über die Armuth“ des schottischen Aufklärers John Macfarlan verbreiteten. Dazu gesellte sich Garves eigene Schrift „Über den Charakter der Bauern und ihr Verhältnis gegen die Gutsherren und gegen die Regierung“. Zusammen mit dem Breslauer Armenpfleger Johann Gustav Süßmilch initiierte er eigene armenpflegerische Maßnahmen. Doch Adel und König waren zu keiner Reform bereit, das Bauernlegen ging weiter.
Parallel zu den Aktivitäten in Breslau und den Disputen mit dem König, pflegte Garve auch mit anderen Größen wie Christian Felix Weiße und Immanuel Kant einen intensiven Gedankenaustausch. Das wurde mit Kant recht heftig. Nach Garves Rezension zur „Kritik der reinen Vernunft“ verfasste Kant seinen „Anti-Garve“. Daraus gedieh ein öffentlicher Meinungsstreit über grundsätzliche philosophische Fragen, der maßgeblich zur „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“ beitrug. Darüber starb Garve am 1. Dezember 1798 in Breslau. MS