Wenn die Großmutter an den langen nebligen Herbstabenden am Spinnrad saß, kauerten wir Kinder auf dem Boden um sie herum und lauschten andächtig ihren Erzählungen, die sie selbst als Kind von ihrer Großmutter gehört hatte. Großmutter erwähnte Ordensritter, Adlige und Heilige der Kirche aus längst vergangenen Zeiten und warnte uns vor dem lauernden Topich an den Gewässern, den nächtlichen Mahren und den Untererdschchen, bevor wir zu Bett gingen und dann jedem Geräusch verängstigt lauschten.
An jenem Abend tobte ein heftiger Sturm ums Haus, als sie uns folgende Geschichte erzählte: „Vor Jahren lebte auf dem herrschaftlichen Gutshof der Pferdeknecht Jablonski. Woher er kam und ob er noch lebende Angehörige hatte, wusste keiner. Gesprochen hat er so gut wie nie. Und ein Frommer war der Jablonski auch nicht, denn in die Kirche ist er nie gegangen. Stattdessen hat er dem Alkohol gefrönt und manche erzählten …“ – hier machte die Großmutter eine Pause – „dass er seine Seele dem Teufel verkauft habe. Ein Knecht, der bei ihm in derselben Kammer geschlafen hat, erzählte, dass der Jablonski beim Schlafen immer auf der linken Seite gelegen ist, und ihr wisst wohl, nur wer auf der rechten Seite liegt, wird von den Engeln beschützt.“
Draußen ließ der Sturm hörbar nach, dafür kündete sich von Ferne das Grollen eines Gewitters an. „Nun, der Jablonski hat sich eines Tages in eine Dienstmagd von einem anderen Gut versehen. Regelrecht besessen soll er von ihr gewesen sein, sodass er ihr häufig nachgestellt ist. Die Magd jedoch wollte von ihm nichts wissen und hat ihn dazu noch wegen seines Aussehens ausgelacht und verspottet.
Eines Abends spät hat er ihr an einem Kreuzweg aufgelauert und sie angesprochen, woraufhin sie ihn wie immer ausgelacht hat. Da hat er sie in seiner Wut an den Schultern gepackt und geschüttelt sowie geschrien, was ihr einfalle, mit ihm so umzugehen.“
Das Gewitter kam nun hörbar näher. „Der Magd wurde bang, sie entglitt seinen Händen, stolperte und fiel unglücklicherweise mit dem Kopf gegen einen am Wege stehenden Bannstein und starb sofort auf der Stelle. Jetzt bekam es der Jablonski mit der Angst zu tun. Er zog das tote Mädchen ins Gebüsch, besorgte vom Gutshof einen Spaten und verscharrte in der Dunkelheit die Magd in der Nähe des Kreuzweges hinter einem Gesträuch.“
Ein lautes Donnern, begleitet von einem Blitz, unterbrach Großmutters Erzählung. „Der Jablonski hat sich keinem anvertraut. Eines Tages hat er sich auf dem Heuboden aufgehangen. In seiner Hosentasche fand man einen Zettel mit seinem Bekenntnis, dass er Schuld auf sich geladen habe mit dem Tode der Dienstmagd. Der Pfarrer hat sich geweigert, ihn auf dem Kirchenfriedhof zu beerdigen. So hat man den Leichnam in der Nähe unseres Dorfes verscharrt.“ Jetzt begann die Kerze zu flackern. Wir Kinder rückten näher zusammen, und ein Schauer überzog meinen Rücken.
„Seitdem“ flüsterte die Großmutter, „wandert sein Geist ruhelos umher. Sogar um Mitternacht auf dem Friedhof soll er gewesen sein. So haben es die alten Frauen erzählt, die ihn gesehen und für sein Seelenheil gebetet haben. Auch die Seele der Dienstmagd findet keine Ruhe und ist dazu verdammt, allnächtlich an der Kreuzung auf ihre Erlösung zu warten. Nur derjenige kann sie von ihrem Schicksal befreien, der statt nach ihrem Namen zu fragen, ihr die Frage stellt: ,Was kann ich für mich tun?‘ Derjenige, der ihre Worte in die Tat umsetzt, wird damit ihre Seele und die vom Jablonski erlösen und dafür sorgen, dass die beiden endlich ihren Frieden finden.“
Nun hörte man von draußen das Rauschen des einsetzenden Regens. „Und nun geht zu Bett, Kinder, und schlafet wohl.“
An diesem Abend schlossen wir Jablonski, die Magd und all die andern ruhelosen Seelen in unser Nachtgebet mit ein, dass sie den Frieden mit Gott und sich selbst finden mögen.


