04.02.2026

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Folge 49-23 vom 08. Dezember 2023 / Veteranentag Lange Zeit stand ein Großteil der Deutschen den Streitkräften des Landes reserviert gegenüber. Die Haltung ändert sich auf positive Weise. Das lenkt den Blick darauf, wie wir mit unseren Soldaten umgehen / „Ich verlange die Treue der Politik“ / Endlich kommt die Debatte um eine würdige Veteranenkultur in Gang – Doch noch liegt vieles im Argen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-23 vom 08. Dezember 2023

Veteranentag Lange Zeit stand ein Großteil der Deutschen den Streitkräften des Landes reserviert gegenüber. Die Haltung ändert sich auf positive Weise. Das lenkt den Blick darauf, wie wir mit unseren Soldaten umgehen
„Ich verlange die Treue der Politik“
Endlich kommt die Debatte um eine würdige Veteranenkultur in Gang – Doch noch liegt vieles im Argen
Bernhard Knapstein

Folge deiner Berufung!“ und „Mach, was wirklich zählt!“ So wirbt die Bundeswehr auf ihrer Internetpräsenz um neue Rekruten. Dass diese Erwerbstätigkeit anders ist als ein durchschnittlicher Beruf wie etwa Bäcker, Pflegekraft, oder Tischler belegen 119 bei Auslandseinsätzen ums Leben gekommene Soldaten, davon 37 Gefallene und 22 durch Suizid.

Weitgehend im Dunkel bleibt allerdings eine andere Zahl. Nach Experteneinschätzung kehren etwa 20 Prozent der Soldaten aus dem Auslandseinsatz mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) heim. Im Gespräch mit der PAZ bestätigt Armin Bohnert vom Bund deutscher Einsatzveteranen diese Einschätzung. „Unter den aktiven Soldaten der Bundeswehr gibt es aktuell 325 Traumageschädigte, von den inzwischen 440.000 ehemaligen Einsatzveteranen dürften allerdings zirka 80.000 als Einsatzgeschädigte gelten“, so Bohnert, der nach Einzelkämpferausbildung und Sprenger-Lehrgang selbst Einsatzerfahrung bei internationalen Kampfeinsätzen gemacht hat, die der Geheimhaltung unterliegen. „Ich weiß, was es bedeutet, einen Menschen zu töten“, sagt er dazu nur. Später hat sich der gelernte Krankenpfleger und Rettungsassistent für psychosoziale Notfallversorgung und Krisenintervention qualifiziert und betreut heute selbst Einsatzgeschädigte. Dass er dabei viel zu tun hat, sagen schon die Zahlen.

Mit Kriegstrauma alleingelassen

Beispiele gibt es viele: Ein Offizier durfte auf höheren Befehl nicht gegen kollektiven Kindesmissbrauch einschreiten. Ein anderer hat einen Anschlag auf das Lager in Afghanistan miterlebt. In den meisten Fällen ploppt die PTBS allerdings erst nach Jahrzehnten auf. Betroffene werden verhaltensauffällig, lethargisch oder hoch aggressiv, zunächst ohne zu wissen, woher das rührt. Immer wieder endet das Trauma im Suizid. Für die Bundeswehr war das über lange Jahre kein Thema, zumal schlichtweg die Einsatzerfahrung der Streitkräfte fehlte. Doch selbst heute bleibt das Thema kritisch. Denn der Bund kann zwar über das Einsatzwiederverwendungsgesetz Soldaten bis zu fünf Jahre nach der Entlassung reaktivieren und dadurch in die berufliche und gesundheitliche Rehabilitation bringen. Da aber die PTBS meist erst deutlich später zu Tage tritt, geht diese Schutzfunktion verloren. Nach der Entlassung muss der Veteran beweisen, dass das Trauma von dem Einsatz herrührt, was nach zehn, 20 Jahren nahezu ein Ding der Unmöglichkeit darstellt. „Wir fordern schon seit Jahren eine Beweislastumkehr“, erklärt Bohnert. Der Bund kenne jeden Einsatz des ehemaligen Soldaten auf den Tag und den Ort genau.

Die immer wieder zu hörende Polemik, das Risiko der Beschädigung sei Schicksal, man habe ja den Soldatenberuf selbst gewählt, führt nicht nur bei Einsatzveteranen zu Verärgerung. Man dürfe nicht vergessen, so Bohnert, der Soldat werde vom Souverän, vertreten durch den Deutschen Bundestag, in den Einsatz befohlen. Dann habe jeder Soldat seine Waffe immer scharf am Mann und tue unter entsprechenden klimatischen Bedingungen alles dafür, den demokratisch legitimierten Auftrag so umzusetzen, wie er befohlen wurde. Doch es gibt noch einen Aspekt: Die Missachtung der Veteranen durch den Staat hat politische Folgen, wie Bohnert aus Erfahrung weiß. Der Frust treibe manche Kameraden in den Extremismus, wo man sich zwar von dem Staat entferne, dem man gedient habe, aber dafür die ersehnte Anerkennung finde. Soziologen berichten seit Jahren über solche Effekte.

Anspruch auf Würdigung

„Wir haben treu gedient und jetzt verlange ich die Treue der Politik, sich zu ihren Soldaten so zu bekennen, wie es sein soll“, fordert Bohnert für seinen Verband. Dazu gehöre nicht nur die Beweislastumkehr bei Einsatzbeschädigung, sondern auch eine würdige Veteranenkultur. Da müsse sich die Politik allerdings um 180 Grad drehen, befindet er. Das verlange, die Veteranen an einem bestimmten Tag und einem konkreten Ort gezielt in die Mitte des öffentlichen Bewusstseins zu holen. Wer für sein Land sein Leben oder seine Gesundheit lasse, habe Anspruch auf Würdigung und höchste politische Präsenz. „Der Bundeskanzler und der Bundespräsident müssen den Veteranen diejenige Ehre erweisen, die sie auch verdienen“, will der Bund der deutschen Einsatzveteranen keine Sonntagsreden mehr hören, sondern ein nachhaltiges Bekenntnis wie es in anderen Staaten Normalität ist.

Aktuell wird zur Freude des Veteranenverbands im Bundestag über einen Veteranentag diskutiert. Ein Effekt, der wohl vor allem auf das Engagement des britischen Prinzen Harry und dessen Herzens-Initiative „Invictus Games“ zurückgeht. Der Sohn des britischen Königs und Herzog von Sussex ist selbst Einsatzveteran.  Er hat in Afghanistan gedient und 2014 das Sportfestival für Veteranen gegründet. In diesem Jahr fand das internationale Ereignis in Düsseldorf statt. Während Harry mit seinem Respekt für Veteranen nicht nur seiner eigenen Nation inspiriert, hadern einige in der deutschen Spitzenpolitik weiterhin mit ihren Streitkräften und kippen Wasser in den Wein. Da wundert es wenig, dass sogar CSU-Ministerpräsident Markus Söder SPD-Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius dafür kritisiert, dass der die Bundeswehr „kriegstüchtig“ bekommen wolle.