„Aletheia“ heißt auf Griechisch „Wahrheit“. Dem Wortsinn nach bedeutet es „das, was nicht (mehr) verborgen ist“. Dahinter steht wohl die Vorstellung, dass das Eigentliche normalerweise verborgen ist. Die Welt, wie sie wirklich ist, wird gewissermaßen von einem undurchdringlichen Nebel verhüllt. Aber dieser Nebel ist nicht immer gleich. Es gibt Zeiten, in denen er sich ein wenig lichtet. Wir können dann das, was er verbirgt, zwar immer noch nicht erkennen, aber wir spüren, dass da etwas ist. Wir ahnen, dass es nah ist. Wer am Heiligen Abend schon einmal in der Natur war, weiß vielleicht, was ich meine: Auf den ersten Blick sieht alles so aus wie immer. Und doch ist irgendetwas anders. Es liegt etwas Geheimnisvolles in der Luft. Etwas Wundervolles.
An Weihnachten erinnern wir uns an unsere Kindheit, wir denken daran, mit welcher Spannung wir als Kinder dem Heiligen Abend entgegenfieberten. Natürlich fragten wir uns damals auch, was wohl unter dem Weihnachtsbaum liegen würde. Aber das war nicht das Entscheidende. Was uns förmlich an Weihnachten elektrisierte, war das Geheimnisvolle, das Wundervolle. Hierfür haben Kinder (noch) ein Gespür.
Mögen wir dieses kindliche Gespür für Geheimnisse und Wunder wiederfinden und somit eine Ahnung davon bekommen, was sich im Nebel verbirgt. Dafür müssen wir allerdings innehalten und innerlich wie äußerlich zur Ruhe kommen. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine stille, eine heilige Nacht.
Burghard Gieseler ist Studiendirektor und war unter anderem von 2004 bis 2014 Landesvorsitzender des Niedersächsischen Altphilologenverbandes. Seit 2016 ist er 1. Vorsitzender der Kreisgemeinschaft Osterode Ostpreußen e.V.


