Während deutsche Politiker und Arbeitgeber über den angeblichen Fachkräftemangel klagen, woraus dann der Ruf nach mehr Einwanderung resultiert, könnte die unterdurchschnittliche Bezahlung in etlichen Berufen der Hauptgrund für unbesetzte Stellen sein. Das legt eine Analyse der Wirtschafts- und Finanzzeitung „Handelsblatt“ nahe, die auf Daten der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg basiert. Diese definiert Fachkräftemangelberufe folgendermaßen: Ihre Ausübung erfordere eine spezielle Ausbildung, und der Mangel äußere sich in der ungünstigen Relation zwischen unbesetzten Stellen und Arbeitssuchenden mit der nötigen Qualifikation.
Wie das „Handelsblatt“ zeigt, gibt es sechs typische Fachkräftemangelberufe, bei denen das Gehalt im Regelfall über dem Bruttodurchschnitt bei Fachkräften in Vollzeitanstellung von 3380 Euro liegt. Das sind Berufe in der Versicherungs- und IT-Branche, der Bauelektrik sowie der Alten- und Krankenpflege, wobei die Versicherungskaufleute mit rund 5000 Euro an der Spitze stehen, während die Pfleger auf etwa 3600 bis 3900 Euro kommen.
Gehälter unter 3380 Euro brutto
Dagegen erhalten Fachkräfte in den Bereichen Metallbau, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Kraftfahrzeugtechnik, Steuerberatung, Holz-, Möbel- und Innenausbau, Objekt- und Personenschutz, Gastronomie und Verkauf von Backwaren wie auch die medizinischen und zahnmedizinischen Fachangestellten weniger als 3380 Euro. Die Spanne geht von 3270 Euro bei den Metallbauern bis 2110 Euro für die Beschäftigten in den Backwarenläden.
Darüber hinaus ermittelte das „Handelsblatt“ auch die Veränderungen in der Bezahlung seit 2017. So gab es einen deutlichen Zuwachs in der Gastronomiebranche von 22,2 Prozent und bei den Altenpflegern von 31,5 Prozent, während der Durchschnitt quer durch alle Mangelberufe bei 14,1 Prozent lag. Etwa in diesem Bereich bewegten sich die Gehaltssteigerungen in der IT- und Holzbau-Branche, der Krankenpflege und bei den Backwarenverkäufern. Die übrigen Vertreter der Mangelberufe erhielten nur zwischen 11,3 und 4,6 Prozent mehr, wobei gerade die besonders gesuchten Sanitär-, Heizungs- und Klimatechniker ganz am unteren Ende der Skala rangierten.
Das „Handelsblatt“ hat die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände um eine Stellungnahme hierzu gebeten, erhielt jedoch keine Antwort. Stattdessen äußerte das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln: „Löhnen kommt die Aufgabe zu, Knappheiten am Arbeitsmarkt widerzuspiegeln, damit Arbeitskräfte sich in die benötigten Berufe selektieren und Arbeitgeber vorhandene Potentiale stärker nutzen.“
Allerdings seien die Gründe für den Fachkräftemangel sehr vielfältig, weswegen Lohnerhöhungen allein „nicht dazu führen, dass es mehr Menschen mit der benötigten Qualifikation gibt“. Im Gegensatz hierzu zeigt sich Anja Piel vom Geschäftsführenden Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes überzeugt davon, dass Engpässe regelmäßig „dort entstehen, wo Löhne niedrig sind“.


