Bis in das späte 18. Jahrhundert hinein waren Schiffbrüchige in der Regel verloren. Dann entstanden in den Niederlanden und Großbritannien erste Seenotrettungsstationen. Im Jahr 1802 war es dann auch in Ostpreußen soweit: Die Kaufmännische Korporation von Memel stiftete ein Rettungsboot, das im Bedarfsfall durch Lotsen bemannt werden sollte. Zudem versuchte man in Memel ab 1827, mit Hilfe von Kanonen oder Mörsern Bergeleinen zu den gestrandeten Schiffen hinauszuschießen, um deren Seeleute an Land zu ziehen. Die private Rettungstation in Memel gelangte 1839 unter staatliche Verwaltung. Elf Jahre später gab es bereits 20 solcher Stützpunkte entlang der preußischen Ostseeküste.
Nach mehreren schweren Schiffsunglücken mit vielen Opfern erging 1861 ein „Mahnruf an das deutsche Volk“, der schließlich am 29. Mai 1865 zur Gründung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) führte. Am 18. Januar 1867 übernahm der preußische König und spätere deutsche Kaiser Wilhelm I. die Schirmherrschaft über die DGzRS. Bis 1875 entstanden insgesamt 91 Rettungsstationen entlang der deutschen Küsten – davon mehr als die Hälfte an der Ostsee.
Kaiser Wilhelm I. übernahm die Schirmherrschaft
1887 kamen auch die bislang privaten ostpreußischen Stützpunkte bis hinauf zur russischen Grenze zur DGzRS. Die Entwicklung in der Folgezeit verlief ebenfalls dynamisch: 1890 zählte man schon 111 Rettungstationen und 1910 dann sogar 129, womit das Netz des deutschen Seenotrettungswesens nun die größte Ausdehnung seiner Geschichte erreichte. In Ostpreußen gab es Rettungsstationen in Pröbbernau, Neukrug, Großbruch, Pillau, Tenkitten, Kraxtepellen, Neukuhren, Cranz, Rossitten, Nidden, Schwarzort, Memel, Melineraggen, Karkelbeck und Nimmersatt. Typisch für diese war eine einheitliche, ganz auf die Bedingungen der Ostsee abgestimmte Ausstattung.
Im Gegensatz zur Nordsee fehlen hier die großen Flachwasserzonen vor der Küste, weswegen die Strandungen oder Untergänge oft in relativer Ufernähe stattfanden. Daher wurden überall Leinenschussgeräte englischer Bauart bereit gehalten, deren besondere Eignung für die Zwecke der Seenotrettung in Ostpreußen der königlich-preußische Seeartillerie-Hauptmann Albert Giersberg 1862 bestätigt hatte.
Dazu kamen offene Ruderrettungsboote aus Holz oder Eisen, neben die ab 1911 auch erste Motorrettungsboote traten. Diese erhielten nach dem Ersten Weltkrieg leistungsfähigere Dieselmotoren und durchgehende Decks, was zu einer wesentlichen Verbesserung der Seetauglichkeit führte.
Aufbau von Rettungsstationen
Zwischen 1865 und 1914 rettete die DGzRS um die 4000 Menschen aus Seenot. Dabei konnte sie nach dem Tod von Wilhelm I. im Jahr 1888 vor allem auf die Unterstützung des marine- und technikbegeisterten Prinzen Heinrich von Preußen bauen, der bis zum Großadmiral und Oberbefehlshaber der Ostseestreitkräfte aufstieg.
Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde das System der Seenotrettung in Ostpreußen um eine zusätzliche Komponente erweitert: Am 26. August 1939 avancierte Pillau zur Basis der Seenotstaffel 2 der Luftwaffe, welche sowohl über Seeflugzeuge und Flugboote als auch über Hilfsschiffe verfügte. Zu Letzteren zählten die wechselweise in Pillau, Tenkitten, Neukuhren, Cranz, Sarkau, Rossitten, Pillkoppen und Memel stationierten Flugbetriebsboote Fl.B 304, 306, 404 und 416 sowie die Motorrettungsboote „Konsul Kleyenstüber“ und „Geheimrat Ladisch“.
Aus der Seenotstaffel 2 wurde im August 1944 die Seenotgruppe 81. Diese beteiligte sich zum Ende des Krieges an der Evakuierung der deutschen Bevölkerung in Ostpreußen vor der anrückenden Roten Armee. In diesem Zusammenhang kam es zur Einrichtung einer Luftbrücke zwischen dem Kamper See westlich von Kolberg und dem Seefliegerhorst Bug auf Rügen, über die möglicherweise bis zu 12.000 Menschen gerettet werden konnten.
Flugboote im Zweiten Weltkrieg
Allerdings ereignete sich am 5. März 1945 auch ein zutiefst tragisches Unglück: An diesem Tag stürzte das von Oberfeldwebel Erich Schluß kommandierte dreimotorige Fernaufklärungsflugboot vom Typ Dornier DO 24T-3 kurz nach dem Start mit dem Heck voran aus 80 Metern Höhe in den Kamper See. Von den 81 Menschen an Bord, darunter 76 Kinder, überlebte nur ein einziger. Möglicherweise resultierte die Katastrophe aus der Überladung der für maximal 16 Personen ausgelegten Maschine, vielleicht wurde die Dornier aber auch von den Russen abgeschossen.
Die DO-24-Flugboote der ehemals in Pillau beheimateten Seenotgruppe 81 flogen am 18. Juni 1945 den höchstwahrscheinlich letzten Einsatz einer Einheit der Luftwaffe des Dritten Reiches, als sie etwa 450 verwundete deutsche Soldaten und um die 550 weitere Personen aus dem dänischen Guldborg nach Schles-wig transportierten, wobei sie von britischen Jagdflugzeugen eskortiert wurden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger alle Rettungsstationen östlich von Ueckermünde, setzte aber ihre Traditionen aus der Zeit vor dem Verlust Ostdeutschlands fort. Hierzu gehört bis heute, komplett auf Zuschüsse aus Steuermitteln zu verzichten.


